„Mane nobiscum domine – Bleibe bei uns, Herr“Predigt von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann zur Eröffnung der Kiliani-Wallfahrtswoche am Sonntag, 3. Juli 2005, im Würzburger Dom Die Bitte der Emmausjünger am Ende eines aufregenden Weges von Jerusalem nach Emmaus, „Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hast sich schon geneigt.“ (Lk 24,29), geht weit über die aktuelle Situation hinaus! Es ist die bleibend dringliche Bitte aus einer zeitlos wahren und österlichen Weggeschichte heraus auch für unsere heutige Zeit. „Bleibe bei uns, Herr!“ rufen wir in dieser Stunde, in der wir die Häupter unserer Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan aus der Neumünsterkirche, der Stelle ihres Martyriums, feierlich in ihren Dom überführt haben. Es ist eine große Freude zu erleben, wie stark auch heute noch in unserem Frankenland die Verbundenheit mit diesen Glaubensverkündern des 7. Jahrhunderts verwurzelt ist. Gerade weil wir unsere Zeit als schnelllebig, oberflächlich und genusssüchtig erfahren und interpretieren, werden in der heute beginnenden Festwoche Kontinuität, Glaubenstiefe und Opferbereitschaft spürbar. Indem wir mit dem heutigen Sonntag die Kiliani-Wallfahrtswoche eröffnen, schauen wir auf die Glaubensboten aus dem fernen Irland, die uns im 7. Jahrhundert den Glauben gebracht haben. Was für Männer waren sie? Was bedeuten sie noch heute für uns? Neben vielem Legendenhaften bleiben drei wesentliche Erkenntnisse aus ihrem Leben: Erstens: Sie haben den Glauben an Jesus Christus als großes Geschenk erkannt, das ihnen unverdient zugekommen ist. Der heilige Kilian rief seine Gefährten auf, dieses Geschenk weiterzugeben und dabei keine Mühen zu scheuen. Deshalb machten sie sich auf den beschwerlichen Weg zum europäischen Kontinent und gelangten nach Mainfranken. Es war ihnen eine geistliche Verpflichtung, den Menschen durch die Taufe die Einwurzelung in Jesus Christus zu ermöglichen. Als sie nach Würzburg kamen, soll der heilige Kilian – nach dem Verfasser der Passio minor, dem ältesten handschriftlichen Bericht – gesagt haben: „Seht Brüder, wie schön ist das Land und wie angenehm die Menschen.“ ( Wittstadt, Klaus: Sankt Kilian, Echter, 6) – etwas, was ich in aller Bescheidenheit auch heute selber wiederholen möchte. Die iro-schottischen Missionare bauten darauf, dass der Herr mit ihnen in das ferne Land ging und ihr Bemühen segnete. Die Frage an uns lautet: Begreifen auch wir den Glauben als ein großes Geschenk, das uns unverdient gebracht wurde oder nehmen wir es als eine selbstverständliche Zugabe zu anderen Wohltaten? Brennen wir – wie die Frankenapostel – darauf, dieses Glück, getauft zu sein und zu den lebendigen Gliedern der Kirche gehören zu dürfen, auch anderen weiterzugeben? Sicherlich, etwa eine halbe Million Frauen und Männer sind derzeit als Glaubensboten, Missionarinnen und Missionare, in der ganzen Welt unterwegs. Gerade aus unserem Bistum Würzburg sind es nicht wenige. Aber wie sieht es heute mit unserem christlichen Engagement in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit aus? Halten wir uns da als Christen nicht weitgehend zurück? Der missionarische Impuls der fränkischen Glaubensboten sollte auch in uns wieder Wurzeln schlagen und uns auf den Weg zum Nächsten antreiben. Zweitens: Der Wanderbischof Kilian hielt auf das engste den Kontakt mit Rom, dem Zentrum der Christenheit. Ihm werden im vierten Kapitel der Passio minor die Worte in den Mund gelegt: „ … lasset uns nach Rom gehen und die Stufen des Fürsten der heiligen Apostel besuchen und uns dem seligen Papst Johannes vorstellen. Und wenn es Gottes Wille ist und wir vom Apostolischen Stuhl die Erlaubnis erhalten, wollen wir mit seiner Zustimmung wieder zurückkehren und vertrauensvoll den Menschen hier den Namen unseres Herrn Jesus Christus verkündigen.“ (Ebd. 18) In den letzten Monaten durften wir erleben, wie das Sterben unseres Heiligen Vaters Johannes Paulus II. rund um den Erdball Aufmerksamkeit und Respekt erhielt. Mehrere Millionen junger Menschen nahmen lebhaften Anteil und bedankten sich durch ihre Teilnahme an den Begräbnisfeierlichkeiten in Rom für den unerschrockenen Einsatz dieses heiligmäßigen Papstes. Und auch die Inthronisation unseres Heiligen Vaters Benedikt XVI. brachte weit über das Medieninteresse hinaus Anteilnahme und Verbundenheit. Das war und ist aber nicht immer so! Die Verbundenheit mit dem Nachfolger des heiligen Petrus ist der Garant der weltumspannenden Einheit der Kirche und ein großes Geschenk, das uns anvertraut ist und für das wir unerschrocken eintreten sollten. Drittens: Der heilige Kilian und seine Gefährten haben den Wert der christlichen Ehe herausgestellt und das für Germanen nicht selbstverständliche Problem der Schwägerschaft als trennendes Ehehindernis auch da verkündet, wo es ihren Gönner, den Herzog Gozberts betraf. Das Aufrechthalten einer christlichen Forderung auch da, wo sie einer weit verbreiteten Ehepraxis entgegenstand, war nicht einfach und kostete schließlich Kilian, Kolonat und Totnan das Leben. Wie steht es bei uns? Sind wir auch heute bereit, Forderungen des christlichen Glaubens uneingeschränkt aufrecht zu erhalten, wo viele andere meist bequemere Wege gehen wollen? Treten wir für das Sakrament der Ehe ein und machen jungen Menschen Mut, in der Verbindung von Mann und Frau eine gottgewollte Lebensgemeinschaft zu erkennen, die er selbst stützt und füllt? Helfen wir den Eheleuten auch in Krisenzeiten beieinander zu bleiben und ihren Kindern verlässliche Vorbilder zu werden? Liebe Schwestern und Brüder, wir gleichen heute oft den Emmausjüngern, die mit Christus unterwegs sind, ihn aber nicht erkennen. Es mag sein, dass hin und wieder „das Herz brennt“, wenn uns der tiefe Sinn seiner Worte aufgeht, aber rufen wir dann auch wie die Emmausjünger aus: „Herr, bleibe bei uns!“? Indem wir in ihrem Grab „die Quelle des christlichen Franken“ (Ebd. 9) erkennen und in der Verehrung ihrer Reliquien den Mittelpunkt der Diözese Würzburg betonen, dürfen wir uns an die Worte unseres Bistumsgründers, des heiligen Bonifatius, erinnern, der gesagt hat: “Du wirst glücklich sein, o Würzburg, und nicht ruhmlos unter den deutschen Städten, stehst du auch jetzt noch hinter manch anderen zurück, so wirst du doch bald um deines Schmuckes mit den Leibern der Märtyrer willen nicht geringer als jene gehalten werden. Du wirst gestützt durch die Dreizahl deiner Märtyrer.“ (Ebd. 10) Möge der Herr unsere Herzen in Flammen setzen und uns befähigen, unermüdlich für das Evangelium einzutreten, ohne Abstriche die Verbundenheit mit dem Heiligen Vater zu leben und unerschrocken für die christlichen Werte einzutreten. Dann bin ich mir sicher, dass unsere Bitte „Bleibe bei uns, Herr!“ nicht vergeblich ausgesprochen wird. Amen. |