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Bistum Würzburg  > Im Wortlaut (Archiv)  > Predigten 2005

Zum liebenden Schauen befreit

Predigt von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann in der Osternacht am Samstag, 26. März, im Kiliansdom zu Würzburg


1. Wie die Weihnacht ist auch die Osternacht eine heilige Nacht.

Selten erleben wir in der Liturgie der Kirche so deutlich die tiefe Stille der Nacht wie bei der Feier der Geburt Jesu und in der Feier seiner Auferstehung.

„Als tiefes Schweigen die Nacht umfing, da sandte Gott sein allmächtiges Wort…“ hörten wir Weihnachten. Er kommt in das Dunkel der Welt.

„Nicht ungerufen kommt Jesus, nicht aus dem Dunkel. Der Vater spricht ihn im ungeschaffenen Licht…(er kommt als) das Licht im Dunkel der Welt.“ (Der große Sonntagsschott 1975, Bd.1, S. 45)

In der Nacht aller Nächte, der Osternacht, bricht Christus die Dunkelheit des Grabes in das Licht seiner Auferstehung auf!

Beide Geschehnisse – Geburt und Auferstehung – werden nicht direkt wahrgenommen sondern werden erst im Nachhinein bekannt und erfahrbar. Sowohl in der Weihnachtsnacht als auch in der Osternacht verkünden Engel, Boten des Himmels, weltveränderndes Geschehen, das uns alle angeht. Denn mit Gottes Eintritt in unsere Welt nimmt Er teil an unserer Geschichte, an unserem persönlichen Leben und damit auch an unserer Zukunft. Mit Christi Auferstehung von den Toten feiern wir auch unsere eigene Auferstehung, unser Weiterleben nach dem Tode im Licht des Ostermorgens.

Liebe Schwestern und Brüder,

unser Leben ist geprägt von der Erfahrung der Dunkelheit und des Lichtes. Oft scheint die Dunkelheit zu überwiegen und das Licht in weite Ferne gerückt zu sein. Oft triumphiert gar das Böse scheinbar über das Licht. Die Wirklichkeit dieses Heilsgeschehens wird allzu leicht ausgeblendet und abgetan. Oft drücken uns die dunklen Realitäten nieder und machen uns mutlos oder gar selbst zu Handlangern des Bösen.

2. „Sie seien unzufrieden mit ihrem Leben gewesen und hätten sich etwas Besseres erhofft. Diese Worte schrieben drei Jugendliche in ihrem Abschiedsbrief, bevor sie in der Nacht zum Sonntag (25./26. August 2001) – 14, 17 und 18 Jahre alt – von einer Eisenbahnbrücke im sächsischen Vogtland sprangen. Neben den Sätzen fanden Polizei und Staatsanwalt auf dem Briefpapier satanistische Symbole.“ (Kölner Stadt-Anzeiger, 28.08.01)

Kulte der Dunkelheit, organisierte Zirkel, die eigene schwarze Riten entwickeln gibt es zur Genüge in Deutschland. (Bis zu 10.000 Personen geschätzt!) In ihnen wird Gottes Werk, das sich in der Schöpfung und in seinen Gesetzen erkennen lässt, geleugnet. Mögliche Konsequenzen eines Lebens ohne oder gegen Gott werden uns in dem soeben erwähnten Zeitungsbericht überdeutlich.

Vielen von uns fehlt die Perspektive des Hineingenommenseins in die ewige Dimension Gottes.

Mehr als ein Drittel aller Deutschen weiß einer (Emnid-)Umfrage zufolge nicht, welche christliche Bedeutung Ostern hat (Bild, 19.03.05). Die Auferstehung von den Toten ist einer weiteren repräsentativen Umfrage nach für die meisten Deutschen eine irreale Vorstellung. 41 Prozent halten dies für reines Wunschdenken. Mit 57 Prozent ist der Anteil in Ostdeutschland besonders hoch. Für viele ist „Auferstehung“ nur ein Symbol der Hoffnung – mehr nicht.

Wenn aber Christi Auferstehung nicht real war, ist alle Hoffnung trügerisch!

Zum einen zeigt Christi Sterben Gottes übergroßen Einsatz für die Aufhebung menschlicher Schuld an. Der Kreuzestod ist dabei grausam und realistisch nachvollziehbar.

Zum anderen vollzieht sich die Auferstehung aber auf einer anderen Ebene. Um sie erkennen zu können braucht man die Offenheit und die Armut des Herzens.

3. Im griechischen Text der Heiligen Schrift gibt es unterschiedliche Worte, um das Sehen zu charakterisieren: Es gibt das Sehen als Ansehen, blicken, auf etwas schauen im Sinne von: Ich sehe dich. Im Griechischen heißt dieses Wort u.a. „blepein“. Es wird beispielsweise im Neuen Testament bei Maria von Magdala gebraucht, als sie sah, dass der Stein vom Grab weg gewälzt war. (Vgl. Joh 20,1). Das ist offensichtlich ein ganz natürliches Sehen.

Dann gibt es aber auch das Wort „ophtein“ oder „theorein“. Es wird bei einem besonderen Sehen verwendet. Zum Beispiel als Maria von Magdala die beiden Engel im Grab sitzen sah (Joh 20,12). Oder als sie den auferstandenen Herrn vor dem Grab stehen sah und meinte, er sei der Gärtner (vgl. Joh 20,14). Auch als Maria von Magdala zu den Jüngern eilte und ihnen mitteilte „Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18), wird dieses Wort beim Evangelisten Johannes wieder verwendet. Damit wird ausgesagt, dass es sich hier um ein anderes Sehen handelt als das mit unseren natürlichen Augen. Vielmehr geht es um ein geistiges Anschauen, um ein Erkennen und Wahrnehmen einer anderen Wirklichkeit! Die Auferstehung Jesu ist ein Ereignis, das sich nicht dem vordergründigen Zugriff preisgibt, sondern das Sehen in die Dimension Gottes hinein öffnet.

4. Die Botschaft der Engel am leeren Grab an die Frauen lautet: „Geht sofort zu den Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferweckt und geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen.“ (Mt 28,7) – Diese Botschaft ist auch an uns gerichtet. Aber wie, so werden manche unter uns fragen, können wir den Auferstandenen sehen?

Wir dürfen nicht die Begegnung mit dem Auferstandenen so erwarten, als begegneten wir einem Gespenst. Er ist weder vordergründig zu sehen noch plakativ zu erfahren. Die Begegnung mit dem Auferstandenen findet in Seinem Wort und Sakrament statt, in der Begegnung mit dem Nächsten und Notleidenden. Mit offenem Herzen und unserer liebenden Antwort begegnen wir ihm und nehmen darin jetzt schon teil an seiner Auferstehung.

Und doch birgt die Begegnung mit dem Auferstandenen Christus für uns auch eine kaum beschreibbare innige Weise einer Erfahrung in sich, die der heilige. Augustinus so treffend auszudrücken verstanden hat. In seinen berühmten BEKENNTNISSEN hat er im Abschnitt „Der Weg der Erkenntnis“ festgehalten:

„Ich bin mir klar und sicher bewusst, dass ich dich liebe, Herr. Mit deinem Worte hast du mein Herz getroffen, und ich liebe dich. Und auch Himmel und Erde und alles, was in ihnen ist, ruft mir von allen Seiten zu, dass ich dich lieben soll…Doch, was liebe ich, wenn ich dich liebe? Nicht körperliche Wohlgestalt noch zeitliche Anmut, nicht den Glanz des Lichtes, das unseren Augen angenehm ist, nicht die lieblichen Melodien des ganzen Reiches der Töne, nicht den Duft von Blumen und Salben und Gewürzen, nicht Honig, nicht Glieder, die zu freundlicher Umarmung einladen: Nicht das liebe ich, wenn ich meinen Gott liebe.

Und dennoch, wenn ich meinen Gott liebe, liebe ich eine Art von Licht und Klang und Duft und Speise, die Umarmung meines inneren Menschen. Dort leuchtet meiner Seele, was kein Raum fasst, dort tönt, was keine Zeit hinwegrafft; dort duftet, was kein Wind verweht, dort schmeckt, was kein Genuss verringert, dort bleibt vereint, was kein Überdruss trennt. Dies ist es, was ich liebe.“ (Zit. aus: Die Feier des Stundengebetes, Lekt. H. 4, 1. J., S. 14).

Liebe Schwestern und Brüder,

ich wünsche uns allen die Begegnung mit dem Auferstandenen, wie sie Augustinus andeutet.

Möge das Osterlicht der Auferstehung unsere Herzen erleuchten, das heißt: zum liebenden Sehen befähigen. Möge die Gewissheit unseres Hineingenommenseins in dieses neue, ewige Leben uns erfüllen. Dann wird der Glanz dieser Nacht nicht mit dem morgigen Tag verblassen, sondern uns in eine Glaubensgewissheit leiten, die uns befähigt als neue, österliche Menschen zu leben. Amen.