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Bistum Würzburg  > Im Wortlaut (Archiv)  > Predigten 2005

Hineinführen in das Geheimnis der Gegenwart Gottes

Predigt von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann beim Pontifikalrequiem für Papst Johannes Paul II. am Mittwoch, 6. April 2005, im Würzburger Dom

Liebe Schwestern und Brüder,

noch vor der Beisetzung unseres Heiligen Vaters in Rom haben wir uns im Würzburger Dom versammelt, um für ihn das heiligen Messopfer zu feiern und seiner dankbar zu gedenken.

Vieles ist in den letzten Tagen über ihn gesagt worden, Kenntnisreiches und Anrührendes, aber auch Banales und Triviales. Mehr als alle Worte zählt das Geschehen dieser Liturgiefeier, in der sich Tod und Auferstehung Jesu Christi als lebensstiftendes Geschehen ereignet. Diesen guten Händen Gottes dürfen wir dankbar unseren verehrten Heiligen Vater übergeben wohl wissend, dass sie die Ewigkeit umfassen.

Dennoch möchte ich eine Seite unseres geliebten Papstes ansprechen, die in den letzten Tagen – meines Wissens nach – kaum gewürdigt wurde, aber dennoch wesentlich zu seiner Persönlichkeit gehört: Seine Liebe zur Literatur und Dichtkunst.

Der Hirte, der weltweit wie kein anderer Millionen Menschen aufsuchte, an ihrem Leben teilnahm und ihre Sorgen zu seinen eigenen machte, hatte schon als Student in Krakau die Liebe zum Theater entdeckt. Zum 50. Jubiläumsjahr seiner Priesterweihe schrieb der Papst unter dem Titel Geschenk und Geheimnis in der Reflektion seiner Berufung: „Mich hatte in jenen Jahren vor allem die Leidenschaft für die Literatur, besonders die dramatische Literatur, und für das Theater erfasst.“ (Styria, S. 15).

Diese Vorliebe für Literatur hat ihn anfänglich in das Studium der polnischen Philologie geführt und dann über das Eindringen in das eigentliche Geheimnis des Wortes in das unergründliche Geheimnis Gottes selbst.

Diese in Krakau gemachten Grunderfahrungen hat er als seine spezielle Möglichkeit erkannt, über die Wege der Literatur auch andere Menschen in das Geheimnis Gottes mit hineinzunehmen. Gerade im Kennenlernen der spanischen Mystik-Literatur fand er Impulse und Anregungen, die er in seiner eigenen spirituellen Grundhaltung deutlich machte.

So schrieb er als Bischof von Krakau unter einem Pseudonym christliche Literatur und veröffentlichte 1960 das viel beachtete Wortdrama „Der Laden des Goldschmieds“. In diesen szenischen Meditationen über das Sakrament der Ehe führt er den Leser und Zuschauer in das sakramentale Geheimnis von Liebe und Ehe ein. Ausgehend von der Alltagserfahrung, die er nie vergessen hatte, entwickelte er über verschiedene Bedeutungsebenen in der Konzentration auf das Wort einen Themenbereich, der wie kaum ein anderer auch heute das Denken und Fühlen der Menschen bestimmt. Über die Bildkraft der Sprache lotet er die Sehnsucht nach Liebe und die Erfahrungen unerfüllter Liebe aus, beschreibt die Gefährdung und Möglichkeiten menschlicher Beziehungen, die nicht im Sog des Nihilismus verkommen müssen, sondern in der erfahrbaren Gnade Gottes gelingen können – eine gerade für unsere Zeit wichtige Lebenshilfe.

In zwei weiteren Dramen, die er als Papst unter den Titeln „Der Bruder unseres Gottes“ und „Strahlung des Vaters“ veröffentlichte, beschreibt er die Berufungsgeschichte eines polnischen Künstlers, der über die Kunst zu seiner religiösen Berufung findet und vom Maler zum Bruder der Armen wird. In dieser bis zum Zerreißen gespannten Dramatik, die auch autobiographische Züge erkennen lässt, zeigt er, dass die eigentliche Befreiung im Glauben geschieht. „Nicht das künstlerisch herausragende Bild, sondern der gemarterte, erniedrigte Mensch ist der wahre Ort, das Bild des „Ecce homo“ zu gestalten.“ (Herder, 1981, Cover)

In dem dramatischen Werk „Strahlung des Vaters“ spricht der Papst selbst vom Geheimnis, das zum Wesensgrund des Menschen führt, indem der Mensch sich der göttlichen Liebe öffnet, die existentielle Einsamkeit überwindet, und so gleichsam die Strahlung des göttlichen Vaters in einer reifenden und sich läuternden Liebe durchbrechen lässt.

Als eine seiner letzten Veröffentlichungen sind die Gedichte des Römischen Triptychons anzusehen, in denen er auf dem Weg über drei eigene Lebenssituationen – Der Bergbach – An der Schwelle zur Sixtinischen Kapelle – und – Der Berg im Lande Morija – wiederum von der Alltagserfahrung ausgehend eine geistige Wanderung zur Quelle, Gott, unternimmt.

Kardinal Ratzinger verweist in seiner Einführung zu diesem Werk auf eine Erfahrung, die der spätere Papst 1976 in den Exerzitien für Papst Paul VI. vorgetragen hatte: „Er erzählte da von einem Physiker, mit dem er lange diskutiert hatte und der zu guter Letzt zu ihm sagte:

„Vom Standpunkt meiner Wissenschaft und ihrer Methode aus bin ich Atheist…“ Aber derselbe Mann schrieb ihm in einem Brief: „Jedes Mal, wenn ich mich der Majestät der Natur, der Berge gegenüber finde, spüre ich, dass ER existiert.“ (Römisches Triptychon. Meditationen. Herder, S. 9).

Das ist das durchgängige Anliegen des Heiligen Vaters gewesen: Den Menschen dort abzuholen, wo er mit seiner Lebenserfahrung und seiner Lebensfrage steht, und hinzuführen in das Geheimnis der Gegenwart Gottes.

So spricht der Papst beim ersten Bild „Der Bergbach“ noch nicht von Gott, wohl aber von der im Menschen innewohnenden Sehnsucht und er bittet gleichsam ins Unbekannte hinein: „Lass mich die Lippen benetzen mit Wasser aus der Quelle, die Frische spüren, die Leben spendende Frische.“ Er sucht nach der Quelle und empfängt die Weisung: „Willst du die Quelle finden, musst du hinaufsteigen, immer weiter, gegen den Strom.“ (Ebd.)

Die geistige Wanderung führt gegen den Strom hinauf zum Ursprung.

So wie die Schöpfung aus einer Vision geboren ist, ist es auch der Mensch. Dies führte den Papst zur Vision, die Michelangelo in den Fresken der Sixtina gestaltet hat und lässt die von ihm so sehr geliebten Wandmalereien im zweiten Bild an der Schwelle zur Sixtinischen Kapelle neu entdecken. Der Weg zur Quelle kann nur gelingen, wenn der Mensch sehend wird. Und dieses Sehen kann er nur von Gott lernen.

Anfang und Ende, Beginn der Schöpfung und Vollendung im Jüngsten Gericht ist dem hinaufwandernden Papst an der Schwelle zur Sixtinischen Kapelle bewusst geworden. Damit schwingt auch die Erfahrung der beiden Konklaven im August und Oktober 1978 mit: das Geheimnis der Berufung und die damit verbundene ungeheure Verantwortung.

Der bisher geschlagene Bogen wird in der dritten Tafel, dem Aufstieg von Abraham und Isaak auf den Berg Morija, vollendet. Morija ist der Berg der „Hingabe ohne Vorbehalt“ (Ebd. S. 12). Hier verdichten sich die Fragen nach Leiden, Ängsten und Hoffnungen. Die Wanderung Abrahams begann in Ur in Chaldäa und führte ihn „gegen den Strom“ zur Quelle hin auf diesen so entscheidenden Berg. Das Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn, zwischen Abraham und Isaak, führt letztlich zum Zwiegespräch zwischen Gott-Vater und seinem Sohn. Am Ende steht die Rettung Isaaks, der nicht geopfert werden muss, wohl aber das Lamm, zu dem der Sohn Gottes selber wird. Das größte Geheimnis menschlichen Ringens um die Frage nach dem Leid in der Welt wird hier in die tröstliche Antwort hineingenommen, dass Gott selbst sich schenkt bis in das Äußerste hinein! Der Gott der Liebe leuchtet durch die Schöpfung und Geschichte hindurch und sucht uns bis in die tiefsten Fragen und Nöten des Menschseins auf.

Diese Botschaft, die unser Heiliger Vater Papst Johannes Paulus II. nicht müde wurde in immer neuen Gedanken, Bildern und dichterischen Worten zu verkünden, lebte er auch. Gerade die jungen Menschen scheinen das Aufleuchten des göttlichen Geistes in seiner Person verstanden und angenommen zu haben und dies um so mehr, je kränker und hinfälliger der schon durch das Attentat geschwächte Papst in seinen letzten Lebensjahren wurde. In seiner Person verkörperte sich der Wille Gottes, uns allen, jedem einzelnen, nahe zu sein. Dem diente auch sein Bemühen, die Menschen auf dem Weg zu Gott über die Kunst zu erreichen und mitzunehmen.

Uns bleibt in dieser Stunde nur unaussprechliche Dankbarkeit Gott gegenüber und der beherzte Wille, die tiefen Gedanken Papst Johannes Paulus II., sein mitreißendes Lebenszeugnis und seine zukunftsweisenden Wegweisungen anzunehmen und weiter fruchtbar werden zu lassen.

Möge Gott ihn ihm nun nach unermüdlichem Aufstieg auf den Berg der Verheißung auch den Ruheplatz am lebendigen Wasser, dem ewigen Lebensquell, schenken.

Amen.