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Bistum Würzburg  > Im Wortlaut (Archiv)  > Predigten 2005

Christen müssen sich einmischen

Predigt von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann beim Bonifatiusfest in Fulda am Sonntag, 5. Juni 2005

 

Zurecht wird der heilige Bonifatius, dessen 1250. Todestag im vorigen Jahr hier in Fulda festlich begangen wurde und dessen 1330. Geburtstag möglicherweise heuer ist, als Apostel Deutschlands gefeiert.

Er war wesentlich an der „christlichen Grundlegung Europas“ (Th. Schieffer) beteiligt und hat neben der Sachsenmission in Bayern einige Bischofssitze reorganisiert und – wie Würzburg – neu gegründet. Auf verschiedenen Synoden ordnete er für die Bischöfe die hierarchisch-amtlichen Zuständigkeiten und Amtspflichten, regelte die Rückgabe entfremdeter Kirchengüter, empfahl die Benediktregel und mahnte die christliche Eheführung an – um nur wenige Aktivitäten hinsichtlich der christlichen Grundlagen zu nennen.

1. Heute stehen wir in Europa wieder vor gewichtigen Entscheidungen, die eine christliche Orientierung benötigen, wenn Europa insgesamt nicht seine Identität verlieren und scheitern soll.

Sicherlich, wir konnten im Oktober die 15. Wiederkehr der Vereinigung Deutschlands feiern, den Sturz der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs und damit auch das Ende eines totalitären Regimes auf kommunistisch-atheistischer Grundlage. Die Bildung und Erweiterung der Europäischen Völkergemeinschaft ist ein weiteres positives Geschichtsfaktum.

Dennoch erfahren wir alle bedrückend die Erschütterung gesellschaftlicher Grundwerte, die ihren sichtbaren Ausdruck in den Ereignissen um den 11. September 2001 in New York, in den fast täglich medial vermittelten Gewaltakten in Afghanistan, im Irak oder im Mittlerem Osten finden oder aber auch ganz unmittelbar in der Nichtbeachtung menschlicher Werte wie Treue, Enthaltsamkeit und soziale Gerechtigkeit.

Eben nicht nur der Rückfall in die Barbarei durch Gewaltakte wie im Sudan und manchen anderen Ländern – ich verweise nur auf die Versklavung von Frauen und Kindern – müssen uns aufschrecken, sondern auch das Scheitern vieler Ehen, ungezügeltes sexuelles Leben, die weiter steigende Zahl von Abtreibungen in Europa, die Diskussion um die Problematik der Präimplantation, die Forschung an embryonalen Stammzellen – wie erst kürzlich die Aufsehen erregende Meldung über geklonte menschliche Embryonen durch südkoreanische Forscher gezeigt hat.

Europa ringt um eine eigene Verfassung. Die Diskussion um ihre Präambel, in der nicht einmal die christlichen Wurzeln des Abendlandes erwähnt werden sollen, beleuchtet die bestehende Unsicherheit.

Im Blick auf den heiligen Bonifatius, einem wirklichen Europäer, der mit seiner ganzen Kraft für ein christliches Europa eingetreten ist und für seinen Glauben das Martyrium erlitten hat, müssen wir uns angesichts der heutigen Herausforderungen einmischen und das biblisch-christliche Gedankengut verstärkt einbringen. Es ist unser aller Aufgabe, in dem für die Zukunft der Menschheit hochbrisanten politisch-ethischen Findungsprozess von Gentechnik und Biomedizin, die uns geoffenbarten Zusammenhänge des Lebens in der von Gott geschaffenen Schöpfung zu bezeugen. Gerade in einer Zeit, in der die Biowissenschaften unseren Lebens- und Schöpfungswelt entscheidend umgestalten, sind die Fragen nach Nutzen und ethisch verantwortbarem Tun zu stellen. So hat schon die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer Schrift: „Der Mensch: sein eigener Schöpfer?“ zu Fragen der Gentechnik und Biomedizin – gestützt auf das biblisch-christliche Menschenbild – Orientierung und Hilfe angeboten.

Für uns Christen gilt beispielsweise, dass Forschung ihre Freiheit nur dann wahrnimmt, wenn sie auch die entstehenden Folgen mitbedenkt und der Wissenschaftler bei einer sorgsamen Folgenabschätzung sich selbst und der Gesellschaft über sein Tun Rechenschaft abgibt.

2. Wir Christen bekennen, dass sich innerhalb allem Geschaffenen das christliche Menschenbild dadurch auszeichnet, dass es im Zeichen der Frage nach seinem Sinn und Ziel steht. Antwort findet der Mensch – sich seiner Grenzen bewusst – als Erlösungsbedürftiger, wenn er sich in seinen Fragen übersteigt und auf das einlässt, was ihn staunenswert in der Schöpfung umgibt und was er darüber hinaus durch die Offenbarung an Kenntnissen erhält. Der Mensch verdankt sich in seinem Angewiesensein auf die Mit- und Umwelt nicht sich selbst, sondern Gott als dem Schöpfer. So weiß der Mensch auch letztlich in seiner ihm vom Schöpfergott geschenkten Freiheit und Ordnung, dass er in der Welt ein Menschenkind dieser Erde ist und zugleich ein Mitgeschöpf aller ihn umgebenden Kreaturen bleibt. Gemäß dem ersten biblischen Schöpfungsbericht im Buch Genesis wurde der Mensch am sechsten Tag als das Abbild Gottes mit Vollmacht über die Schöpfung erschaffen: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn“ (Gen 1,27).

Diese Glaubensgewissheit ist einmalig und einzigartig: Der Mensch ist Krone der Schöpfung, indem er als einziges Geschöpf die Gottebenbildlichkeit geschenkt bekommt. Diese Sonderstellung bringt aber auch die Hinordnung des Menschen auf Gott hin mit sich.

Als Geschöpf Gottes ist der Mensch in seinem Verhalten Gott gegenüber verantwortlich. Nur aus dieser Verantwortung heraus ist der dem Menschen von Gott gegebene Auftrag zu verstehen: „Macht euch die Erde untertan!“ (Vgl. Gen 2,15). Dies bedeutet, dass der Mensch die Aufgabe wahrnehmen soll, diese Erde zu kultivieren und zu bewahren. Die Menschen dürfen, ja sollen, gemäß dem Auftrag Gottes das schöpferische Handeln Gottes fortsetzen und zugleich für das Wohlergehen aller Geschöpfe sorgen. Mit dem Blick auf den Himmel – die Vollendung des Menschen in Gott – greift erst die ganze Verantwortung des Menschen für die Gestaltung der Erde. Schöpfungsauftrag bedeutet nichts anderes als alles Gute in der Welt in seiner Eigenart, Größe und Schönheit zu fördern und sich entfalten zu lassen: im Einzelnen wie im Ganzen – und das immer in Rückbindung an den Schöpferwillen Gottes. Schöpfung erhalten und gestalten ist nur im Blick auf die Vollendung des Menschen im ewigen Leben möglich.

Wer diese Grundlagen akzeptiert, wird sehr schnell die Konsequenzen für sein Handeln erkennen: So besitzt jedes Geschöpf sein eigenes Gott verdanktes Lebensrecht und muss entsprechend behandelt werden.

Jeder Mensch hat seine eigene unaufhebbare Würde in seiner Gottebenbildlichkeit und darf nie – zu keinem Zeitpunkt, weder vor der Geburt noch im hohen Alter – geschändet oder gar getötet werden. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf Liebe, Gerechtigkeit und verantwortbare Treue.

Diese Erkenntnisse haben wir ungeschmälert in die Grundlagen einer europäischen Werteordnung einzubringen wohl wissend, dass die Fragen nach dem Menschen auch die Fragen nach Gott implizieren. Die Kirche als Ort der Gemeinschaft mit Gott und untereinander hat als die in die konkrete Zeit hinein verleiblichte Gegenwart Gottes Fragen an die Gesellschaft zu richten – nicht aus Besserwisserei sondern aus Verantwortung gegenüber dem Menschen.

Was ohne eine Anbindung an Gott geschieht, lehrt uns zur Genüge die Geschichte. Gerade weil wir nicht aus der Welt sind, müssen wir – dem heutigen Evangelium gemäß – auch den Widerspruch der Welt ertragen. Dafür aber dürfen wir uns von Christus ‚Freunde’ nennen lassen (vgl. Joh 15,14).

3. Es ist offensichtlich, dass die jetzt heranwachsende Jugend verstärkt nach den Werten fragt. Selbst zum Teil geschädigt durch eine rein diesseitig auf Genuss ausgerichtete Gesellschaft, die in Gefahr ist, zunehmend individualistischer und egozentrischer zu werden, fragen viele junge Menschen erneut nach dem Sinn und dem wahren Lebensglück.

Die Entlarvung glücksverheißender Parolen als massiver Betrug lassen sie nach einer Werteordnung suchen, die nicht demokratisch veränderbar ist, sondern verbindlich und verlässlich über den Wechselfällen des Lebens verbleibt. Hierin besteht die große Herausforderung unserer Tage. Wir dürfen nicht die Probleme aussitzen, sondern müssen das Gebot der Stunde wahrnehmen, dem Auftrag Jesu Christi gemäß „Salz“ und „Licht“ für die Welt zu sein.

Unser Heiliger Vater Benedikt XVI. hat als Kardinal Ratzinger in einer Festgabe zu seinem 75. Geburtstag geschrieben: „Die Weggemeinschaft des Glaubens, die wir Kirche nennen, soll eine Gemeinschaft im Steigen sein, Gemeinschaft, in der sich jene Reinigungen an uns vollziehen, die uns der wahren Höhe des Menschseins, der Gemeinschaft mit Gott fähig machen. Im Maß der Reinigung wird das Steigen, das anfangs so mühsam ist, zusehends zur Freude. Diese Freude muss immer mehr aus der Kirche herausleuchten in die Welt hinein.“ (Weggemeinschaft des Glaubens – Kirche als Communio. Augsburg, St.-Ulrich-Verl. 2002, 260)

Unser heiliger Bonifatius, der Apostel Deutschlands, möge uns auf diesem Weg als Fürsprecher und Helfer begleiten.

Amen.