„Bleibe bei uns, Herr!“Fastenhirtenwort von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann im Eucharistischen Jahr 2005 Liebe Schwestern und Brüder, die vorösterliche Bußzeit, in die wir mit dem Aschermittwoch eingetreten sind, lenkt unseren Blick durch das Leiden und Sterben Jesu Christi auf seine Auferstehung. 1. Die Verkündigung des von den Toten erstandenen Christus ist wahrhaft die neue und froh machende Botschaft schlechthin. Hier wird menschliches Leiden, Fragen, Suchen und Hungern nach Leben in eine Wirklichkeit gelenkt, die all unser Empfinden und Denken übersteigt. Die Zerbrechlichkeit unseres Lebens haben wir nicht nur in den aufschreckenden Nachrichten über die Flutkatastrophe in Asien vor Augen geführt bekommen. Wir erfahren sie fast täglich in unserem eigenen Lebensumfeld und auch in uns. Angesichts der vielen Nöte könnte man verzweifeln, sich in Aktivitäten und Rauschzustände flüchten. Wir können aber auch eine Alternative wählen. Wir können unsere Zuflucht beim Herrn des Lebens suchen und zu ihm rufen: „Bleibe bei uns, Herr!“ (Vgl. Lk 24,29) So sprachen die Emmausjünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Sie waren enttäuscht von den Vorgängen in Jerusalem, von der gerade erlebten Kreuzigung Jesu, dem scheinbaren Ende ihrer Träume. Auf dem Heimweg nach Emmaus begegnen sie einem Fremden, der zunächst so gar nicht ihre enttäuschten Erfahrungen zu kennen scheint, sich dann aber im geistigen Austausch als äußerst kundig und mitteilsam erweist. Zuhause angekommen drängen sie ihn zu bleiben: „Bleibe bei uns, Herr!“ Aber erst beim ‚Brotbrechen’ erkennen sie ihn, Jesus, der ihnen entschwunden schien. 2. Es sind Zeichen, die ihnen die Augen öffnen und sie begreifen lassen: Dieser Fremde ist der gekreuzigte und auferstandene Herr. Auch heute ist Christus so unter uns gegenwärtig wie bei den Emmausjüngern. In jeder heiligen Messe begegnen wir ihm in Seinem Wort und in der Wein- und Brotsgestalt der heiligen Eucharistie, ja, das damalige Geschehen in Jerusalem, die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi, wird in jeder Feier der heiligen Messe unter uns gegenwärtig. Christus bleibt in der sichtbaren Gestalt des Brotes wirklich und wesensgemäß unter uns. Wir können ihn im Zeichen des Brotes sehen, ihn anbeten und in unser Leben aufnehmen. Diese Wirklichkeit scheint manchen Mitmenschen heute verborgen zu sein. Sie versuchen mit dem Verstand ein Geheimnis zu ergründen, das sich nur mit der Weisheit des Herzens erschließen lässt. Besonders deutlich hat uns dies der verstorbene vietnamesische Kardinal Francois Xavier Nguyen Van Thuan gemacht. Er war zwölf Jahre in Haft und berichtet in seinen Erinnerungen: „Mit drei Tropfen Wein und einem Tropfen Wasser in der hohlen Hand und einem kleinen Hostienstück feierte ich Tag für Tag die Messe… Ich betete dabei so lang und innig, bis ich das Herz Christi in meinem Herzen schlagen hörte. Ich spürte, dass mein Leben das seine war, und sein Leben das meine.“ (L’Osservatore Romano, 26.XI.2004) Christus bleibt trotz Himmelfahrt und erwarteter Wiederkunft am Ende der Zeiten unter uns. Im Geheimnis der Eucharistie, in der kleinen Hostie, ist er wahrhaft gegenwärtig, macht sich zur Speise für uns und schenkt uns eine so tiefe Gemeinschaft, dass uns die Worte fehlen, dies zu beschreiben. 3. Das große Geschenk der Eucharistie ist uns anvertraut. Was wäre wichtiger, als diese bleibende Gegenwart unseres Herrn und Gottes Jesu Christi anzunehmen: in der regelmäßigen sonntäglichen Mitfeier der heiligen Messe, im würdigen Kommunionempfang und in der bewussten Anbetung des eucharistischen Heilandes. Es gehört mit zu den Problemen unserer Tage, dass nicht mehr in jeder Pfarrkirche am Sonntag die heilige Messe gefeiert werden kann. Eine Wort-Gottes-Feier kann aber kein gültiger Ersatz sein, sondern soll in einer Notsituation denen eine Brücke zur Begegnung mit dem Herrn in der Gegenwart seines Wortes sein, die keine Möglichkeit zum Besuch der heiligen Messe haben. Alle aber, die beispielsweise in der Nachbarkirche eine heilige Messe besuchen können, sind auch dazu angehalten. Es geht doch bei der Messfeier um das persönliche Einbezogenwerden in das Erlösungsgeschehen durch den sich gegenwärtig setzenden Herrn. Das große Geschenk des eucharistischen Herrn dürfen wir armselige Menschen in der heiligen Kommunion empfangen. Im Grunde können wir nur ehrlichen Herzens sagen: „Herr, ich bin nicht würdig.“ Aber es gibt auch grundlegende Voraussetzungen, die wir nicht außer Acht lassen dürfen: Die Aufnahme des Leibes Christi in unser eigenes Leben kann nur da von Segen sein, wo keine objektiv schwere Schuld uns am Empfang hindert. Hier kann und soll uns zuerst der Empfang des Bußsakramentes vorbereiten. Christus kommt uns so nahe, damit wir auch in seiner Gegenwart von den uns belastenden Nöten befreit werden können. Nehmen wir uns daher die Zeit, vor dem ausgesetzten Allerheiligsten zu verweilen und anzubeten. Genügend Gelegenheit dazu sollte in jeder Gemeinde gegeben sein. 4. Das eucharistische Jahr, das von Oktober 2004 bis Oktober 2005 auf Initiative unseres Papstes ausgerufen wurde, kann uns nicht nur den Blick für das große Geschenk der Nähe Gottes in unserem Leben schärfen, sondern auch ermutigen zusammen mit dem Besuch der heiligen Messe, - Katechesen und Gespräche über das Sakrament der Eucharistie zu führen, - Erstkommunionunterricht gewissenhaft und verantwortlich durchzuführen, - Anbetungsstunden zu intensivieren und zu nutzen, - Eucharistische Andachten zu pflegen, - die Krankenkommunionen in den Blick zu nehmen, - den Tag der Ewigen Anbetung in den Gemeinden zu beleben, - an der Fronleichnamsprozession teilzunehmen. Dies alles dient letztlich der beglückenden Vergewisserung: Der Herr ist uns nahe! Auch der im August in unserer Diözese und in Köln stattfindende Weltjugendtag will die Jugendlichen und jungen Erwachsenen letztlich auf den Glaubensweg der Emmausjünger führen. Ich wünsche Ihnen und allen Ihnen Anvertrauten diese so tief gehende Erfahrung der Nähe Gottes in unserem Leben. Es segne Sie der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen. Würzburg, zum 1. Fastensonntag am 13. Februar 2005 Euer Bischof Friedhelm, Bischof von Würzburg |