Macht euch die Erde untertan –theologisch angezeigte GrenzbetrachtungenFestrede von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann am Pfingstsamstag, 14. Mai 2005, beim 100. Stiftungsfest der katholischen Studentenverbindung „Franco-Raetia“ in Würzburg. Hochverehrte Festversammlung! Ihre CV-Verbindung Francoraetia darf auf ein turbulentes Jahrhundert seit seiner Gründung im Jahre 1905 zurückschauen. Am Anfang des 3. Jahrtausends stellen sich Fragen, die man zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht erkennen konnte Deshalb greife ich zum 100-jährigen Bestehen der Franco-Raetia gerne einige Gedanken der Thematik auf. Am Ende des 20. Jahrhunderts war weltweit eine nervöse Grundstimmung zu konstatieren, die in der Erschütterung gesellschaftlicher Grundwerte ihren sichtbaren Ausdruck findet. Der 11. September 2001 ist gleichsam wie ein in die Sichtbarkeit geronnenes symbolisches Zeichen dafür. Mehr denn je bin ich versucht, Sedlmayers kunsthistorisch aufgestellte These vom „Verlust der Mitte“ auf die Gesellschaft zu übertragen. Zumindest zeigen die aktuellen Diskussionen um den Schutz des ungeborenen Lebens, um die Problematik der Präimplantation, um die Forschung an embryonalen Stammzellen sowie die menschliche Selbstübersteigung im Bereich des therapeutischen und reproduktiven Klonens die Brisanz und Herausforderung aktueller Auseinandersetzungen. Genau hier aber wird die Frage nicht nur nach der Zukunft des Christentums, sondern nach der Zukunft der Gesellschaft zur Nagelprobe. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die sich ganz aus dem Kontext christlicher Heils- und Schöpfungssicht löst? Kirchliches Lehramt und Theologie – beide – können sich aus Verantwortung gegenüber dem Menschen von den aktuellen Fragestellungen nicht dispensieren. Gerade weil das biblisch-christliche Schöpfungs- und Menschenbild zunehmend in Frage gestellt wird wie ich an folgender – theologischer – Grenzbetrachtung und Grenzüberschreitung beispielhaft zeigen möchte, ist der Gesellschaft aufzuzeigen, wohin selektives und spartenbezogenes Forschen führt. Grenzbetrachtung und Grenzüberschreitung „Wir verjagen unsere Forscher“, so die markante Überschrift eines Beitrages des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Hubert Markl in „Die Zeit“ vom 29. Mai 2002, in der thetisch festgestellt wird, dass die Deutschen die Naturwissenschaften nur bis zu dem Punkt lieben, wo sie den Alltag nicht verändern. „Wehe aber“ (so Markl), „wenn die Gentechnik uns mit neuen, gefährlichen Fragen kommt. Dann ziehen wir Stillstand vor. So ist Deutschland in der Forschung zurückgefallen. Lehrende und Lernende müssen sich anstrengen – und der Staat muss die Bürokratie abbauen.“ Mit diesen pauschalierenden Argumenten wird der vermeintlichen Wissenschaftsfeindlichkeit in Deutschland das Wort geredet, wird dem Wissenschaftsstandort Deutschland mit seiner an unseren Universitäten getätigten Forschung und Lehre ein insgesamt fragwürdiges Zeugnis attestiert. Offenkundig wird Markls Standort, wenn er in geradezu polemischer Weise ausführt: „Statt aber wenigstens unsere vorhandenen Stärken auf vielen wissenschaftlichen Gebieten (...) gezielt auszubauen und anzuwenden, vertun wir ein über das andere Mal wertvolle Zeit in ideologisierten Genehmigungsverfahren oder in weitschweifenden Grundsatzdiskussionen, etwa über die Gottesebenbildlichkeit befruchteter Eizellen.“ In dem für die Zukunft der Menschheit hochbrisanten politisch-ethischen Findungsprozess von Gentechnik und Biomedizin, welche Richtung wir dem Fortschritt geben wollen, ist die vorhergehende Argumentation von Hubert Markl für alle Beteiligten kontraproduktiv, diffamiert geradezu die Geistes- und Kulturwissenschaften und macht das interdisziplinäre Gespräch von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, hier vor allem das Gespräch mit der Theologie, zum Nachteil der Gesprächspartner letztlich obsolet. Doch ist es gerade Aufgabe der Geisteswissenschaften – und hier insbesondere der Theologie – Forscher in ihren Forschungsfeldern zu sensibilisieren auf die ihnen zukommende Verantwortung des Geistes der Weisheit und der Unterscheidung in der Forschung der Zusammenhänge des Lebens in der von Gott geschaffenen Schöpfung. Tatsache ist, dass die Biowissenschaften unsere Lebens- und Schöpfungswelt gegenwärtig entscheidend umgestalten, wobei die Überprüfung, ob deren Nutzen auch ethisch verantwortet werden kann, auf der Tagesordnung interdisziplinären Tuns obenan steht. In diesem Zusammenhang sei hier nachdrücklich an das Wort der Deutschen Bischofskonferenz „Der Mensch: sein eigener Schöpfer?“ zu Fragen von Gentechnik und Biomedizin erinnert, das, gestützt auf das biblisch-christliche Menschenbild, Orientierung und Hilfe in der aktuellen Forschungssituation bietet. Doch zurück zu den Ausführungen von Hubert Markl: Es zeigt sich, dass seine Anmerkungen von einer sehr funktionalistischen Sichtweise – und wie ich meine – von einem veralteten Machbarkeitswahn durchdrungen sind. Weitergedacht bedeutet dies eine Gefährdung, wenn nicht sogar Aufhebung von Werten und Normen. Dem möchte ich entgegensetzen, dass eine immer wieder propagierte, auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Wissenschaftsgläubigkeit sich allzu schnell in eine Wissenschaftsfeindlichkeit umkehrt. Denn wissenschaftsfeindlich ist es, wenn eine wissenschaftliche Disziplin andere wissenschaftliche Bereiche nicht zur Kenntnis nehmen will und so ein Wertevakuum ermöglicht, das Ideologien Raum gibt. Eine sinnblinde, nur von persönlichem Erfolg betriebene Wissenschaft fesselt den Geist der Wissenschaft und verfällt damit in eine, die Menschenwürde nicht beachtende Unfreiheit. Für uns Christen folgt daraus, dass die Forschung ihre Freiheit nur dann wahrnimmt, wenn sie auch die entstehenden Folgen mitbedenkt. So ist dann auch die folgende Passage aus dem Wort der Deutschen Bischofskonferenz „Der Mensch: sein eigener Schöpfer?“ zu bedenken und zu verstehen: „Das Nachdenken über den Menschen selbst darf in einem solchen gesellschaftlichen Diskurs nicht zu kurz kommen. (...) An die Forscher in diesem Bereich ergeht der Appell, dass sie die menschendienliche Perspektive nicht aus den Augen verlieren. Zur Verantwortung des Forschers gehört es, dass er die Chancen und Risiken seines Forschungsgegenstandes verantwortungsbewusst überprüft, einer sorgsamen Folgenabschätzung unterzieht und über sein Tun gewissenhaft Rechenschaft gibt.“ Der Mensch – Geschöpf Den Worten der Bischofskonferenz folgend fragen wir: Was und wer ist der Mensch? Lassen Sie mich zunächst weiter ausholen. Im Chorgesang der griechischen Tragödie Antigone wird von Sophokles die Hinfälligkeit, vor allem aber die Größe des Menschen angesichts der Schöpfung anschaulich ins Wort gebracht. "Der Welt Gewalten sind so viel, der Mensch gewaltiger als sie alle (...). Er hat die Sprache, den luft´gen Gedanken zu seinem Diener gemacht (...). Dem Hades allein wird er nimmer enteilen..." Drastischer noch beschreibt Homer im sechsten Buch der Ilias des Menschen Sein in der Schöpfung: "Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechter der Menschen. Einige streut der Wind auf die Erde hin, andere wieder treibt der knospende Wald, erzeugt in des Frühlings Wärme. So der Menschen Geschlecht; dies wächst und jenes vergeht." Wir berühren hier Grundfragen des Menschen, die bis in die aktuelle Gegenwart reichen. So hat auch Paul Gauguin auf den Rahmen eines seiner Tahiti-Bilder die Fragen geschrieben: "Woher kommen wir – wer sind wir – und wohin gehen wir?" Die jüdisch-christliche Antwort hierauf gibt seit Jahrtausenden die Schöpfungsgeschichte der Bibel, im Buch Genesis niedergeschrieben. Dort ist innerhalb alles Geschaffenen das biblische Menschsein dadurch ausgezeichnet, dass es im Zeichen der Frage nach seinem Sinn und Ziel steht. Antwort findet der Mensch, sich seiner Grenzen bewusst, als Erlösungsbedürftiger, wenn er sich in seinen Fragen übersteigt und auf das transzendiert, was er erahnt und was ihn unfassbar in der Schöpfungswelt umgibt. Der Mensch, in seinem Angewiesensein auf die Mit- und Umwelt, verdankt sich nicht selbst sondern Gott als dem Schöpfer. Der Mensch weiß letztlich, auch in seiner ihm vom Schöpfergott geschenkten Freiheit und Ordnung, dass er in der Welt ein Menschenkind dieser Erde ist und zugleich ein Mitgeschöpf aller ihn umgebenden Kreaturen bleibt. Gemäß dem ersten biblischen Schöpfungsbericht wurde der Mensch am sechsten Tag als das Abbild Gottes mit Vollmacht über die Schöpfung erschaffen. „Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn“ (Gen 1,27). Diese Glaubensgewissheit ist einmalig und einzigartig: Der Mensch ist Krone der Schöpfung, indem er als einziges Geschöpf die Gottebenbildlichkeit geschenkt bekommt. Diese Sonderstellung bringt aber auch die Abhängigkeit des Menschen von Gott mit sich. Als Geschöpf Gottes ist der Mensch in seinem Verhalten Gott gegenüber verantwortlich. Aus dieser Verantwortung heraus ist dann aber auch der dem Menschen von Gott gegebene Auftrag zu verstehen: "Macht euch die Erde untertan!" (Vgl. Gen. 2,15). Dies bedeutet: Die Menschen haben die Aufgabe, die Erde zu kultivieren und zu bewahren. Die Menschen dürfen, ja sollen, gemäß dem Auftrag stellvertretend das schöpferische Handeln Gottes fortsetzen und zugleich für das Wohlergehen aller Geschöpfe sorgen. Mit dem Blick auf den Himmel – die Vollendung des Menschen in Gott – greift erst die ganze Verantwortung des Menschen für die Gestaltung der Erde. Schöpfungsauftrag bedeutet nichts anderes als alles Gute in der Welt in seiner Eigenart, Größe und Schönheit zu fördern und sich entfalten zu lassen: im Einzelnen wie im Ganzen. Doch alles immer in Rückbindung an den Schöpferwillen Gottes. Demzufolge will Theologie gar nicht Forscher 'verjagen' – wie Markl uns Glauben machen will – sondern deren Blick auf das Umfassende, Ganze der Schöpfungswirklichkeit ausrichten. diese Rückführung der Einzeldisziplinen in die Gesamtheit ist ein unverzichtbarer Dienst der Theologie an unserer Gesellschaft. Ich danke Ihnen! Friedhelm Hofmann, 14. Mai 2005 |