Übersicht:
  Willkommen  
  Kloster  
  Gottesdienste  
  Aktuelles  
  Gästehaus  
  Suche  
  Kontakt  
  Labyrinth  
  Aikido  
  Dammer Impulse 2010  
  Klosterladen  
  Links  
  Gebetsanliegen  
  aktuelle Predigten  
  Predigtarchiv  
  Impressum  
 
Benediktiner-Priorat Damme

Predigt am 4. Fastensonntag (C) am 14.3.10  

 Lesung: 2 Kor 5,17-21; Evangelium: Lk 15,1-3.11-32

 

Es ist wohl eine der gefühlsmäßig schwierigsten Stellen aus den Evangelien, was wir da gerade gehört haben, liebe Schwestern liebe Brüder.

Die sogenannte Geschichte vom verlorenen Sohn, oder wie sie noch genannt wird, das Gleichnis vom barmherzigen Vater.

Man könnte sie auch als „Geschichte vom enttäuschten Bruder“ bezeichnen.

Nicht wenige von uns dürften die Gefühle kennen, die ihm die Luft nahmen, als er von dem Fest für seinen heruntergekommenen und durchgebrannten und wahrscheinlich auch durchgeknallten Bruder hörte.

Was meinen Sie, wie wird die Geschichte wohl weitergegangen sein?
Welches Ende würden Sie ihr geben?

Ja, das letzte Kapitel dieser Geschichte liegt ganz in Ihrer Hand.
Wenn Sie möchten, sind Sie herzlich eingeladen sie zu Ende zu schreiben und sie mir anonym oder mit Namen zukommen zu lassen.
Es würde bestimmt spannend werden, was da zusammen käme!
Wollen Sie?

Mir selber wurde diesmal bei der Betrachtung dieses Gleichnisses eine ganz andere Seite deutlich, die mir bislang noch nie so aufgefallen war.

Es ist die Situation, in der der jüngere Sohn die knallharte Quittung für sein zügelloses Verhalten präsentiert und am eigenen Leib zu spüren bekam.

Sein ganzes Vermögen hat er verspielt, niemand wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben.
Er galt ihnen weniger als ein Schwein.
Und das wurde ihm bewusst.

Das brannte ihm wie Feuer den Stolz aus seinem Selbstverständnis, einem Selbstverständnis, das ihn hochmütig besserwissend den väterlichen Erbteil als selbstverständlichen Rechtsanspruch ansehen und einfordern ließ.

Es muss hart für ihn gewesen sein sich seiner neuen Realität zu stellen, in den Augen der anderen weniger als ein Schwein zu gelten.
Verdammt hart.

„Da ging er in sich“ heißt es in der Geschichte.
Und es wurde ihm klar, dass er wirklich alles verspielt hatte.
Alle Achtung, alle Ehre, allen Respekt,
ja alles was ihm heilig war und vor allem seine angeborene Würde.
Alles hatte er in seiner Verblendung verraten.

Es muss eine abgrundtiefe Scham gewesen sein, die ihn erfasste, schmerzende Reue und Fassungslosigkeit über sein eigenes Verhalten.

Aber gerade mitten in dieser Ohnmacht des Versagens blitzte in ihm menschliche Größe auf.

Er suchte nicht nach einer billigen Entschuldigung seines Verhaltens.
Er war bereit, als Gescheiterter weiter zu gehen.
Er war bereit sich mit seiner Schuld und seinem Versagen dem Spott auszusetzen, dem berechtigten Ärger und der zu erwartenden Ablehnung.

Manch einer hätte und hat in so einer Situation lieber seinem Leben Ende gemacht, als eine solche Schmach über sich ausgießen zu lassen.

Mit seiner aufrichtigen Reue aber macht der gescheiterte Sohn eine Tür auf, die zurück ins Leben führt. Das galt nicht nur für ihn. Das gilt auch heute noch.

Es zählt für mich zu den heiligsten Erfahrungen meines Lebens, dass ich selbst miterleben durfte, was aufrichtige Reue bewirken kann.

Im Rahmen der Aufarbeitung der Geschichte unserer klösterlichen Gemeinschaft zu Beginn der 90-er Jahre kamen natürlich auch ganz viele dunklen Seiten, Verbitterungen, verdrängte Enttäuschungen, zerbrochenes Vertrauen ans Licht, die über Jahre und Jahrzehnte hin unterschwellig weitergewirkt und so manche gute Entwicklung im Keim erstickt hatten.

Auch wenn vieles von dem, was in all den Jahren und Jahrzehnten im Kloster geschah oft nur ein Abbild dessen war, was auch draußen in der Gesellschaft galt und praktiziert wurde, so hat es doch die Seelen der jungen Brüder verletzt, sie oft hart und manchmal auch verbittert werden lassen.

Einmal saßen wir alle zusammen.
Die Mönche der unmittelbaren Nachkriegsgeneration erzählten von ihren Erfahrungen.

Manches war wirklich zum Fußnägel aufrollen.

Es war das erste Mal, dass es im Kloster eine solch offene Erzählrunde gab, in der sich die betroffenen Mönche trauten, den anderen auch von ihren schlimmen Erlebnissen zu erzählen und davon, was diese mit ihnen und in ihrem Leben bewirkt und verhindert hatten.

Oft waren es gerade die Schläge, die sie meist aus nichtigen Gründen erhalten hatten.

Die Stimmung im Raum war bedrückend und die nachträgliche Fassungslosigkeit war fast mit den Händen zu greifen.
Plötzlich stand ein alter Pater auf, ein Kriegsveteran, und ergriff mit leicht zitternder Stimme das Wort:

„Ja, und ich hab zu denen gehört, die Euch geschlagen haben – und das nicht zu knapp – aber ich kann Euch sagen, mir tut heute noch jede Watsche leid, die ich ausgeteilt hab.“

Dann sank er wieder auf das Sofa zurück.

Uns allen, jungen wie alten Mönchen standen schlagartig die Tränen in den Augen.
Da war tiefe Reue spürbar, aufrichtige Reue.

Es war, als ob ein Windhauch das Gift der verstummten Verbitterung aus dem Raum der Gemeinschaft getragen hätte.

Es kam unter den Mitbrüdern ein Prozess in Gang, der Verzeihung und Versöhnung möglich machte, weil sogar alte und uralte Wunden zu heilen begannen.

Schließlich wuchs auch der Wunsch, auch die ehemaligen Mönche, egal aus welchen Gründen sie die Gemeinschaft verlassen hatten oder verlassen mussten, in diesen Prozess mit hinein zu nehmen.

Nach einjähriger intensiver und ehrlicher Vorbereitung kam es im Juni 1999 in Münsterschwarzach zur Begegnung mit 120 von ihnen und ihren Angehörigen.
Da waren mehr ehemalige Münsterschwarzacher Mönche anwesend als real existierende.

Es war wohl einer der dichtesten Tage im Leben unserer Gemeinschaft.

Viele der anwesenden Ehemaligen hatten sich eigentlich geschworen, das Kloster nie mehr zu betreten.
Manche hatten diesen Entschluss vor 50 Jahren oder noch früher gefasst.
Aber sie hatten gespürt, dass die Einladung echt und ehrlich war.

Als Abt Fidelis dann beim Mittagsgebet im Namen der Gemeinschaft die Ehemaligen Mönche und ihre Angehörigen um Verzeihung für zugefügtes Leid und begangene Schuld bat, hätte man eine Stecknadel fallen hören.

Es war ein unvergesslicher Tag voller Hoffnungslichter, erfüllt von befreiter Herzlichkeit und gegenseitiger Würdigung.

Als er zu Ende ging und die Gäste verabschiedet waren, sah man in der Abteikirche noch bis spät in die Nacht an vielen Stellen Mönche sitzen oder knien.

Es waren viele Tränen, die sich da den Weg ans Licht bahnten.
Tränen der Reue, Tränen endlich heilen könnender Wunden, Tränen der Dankbarkeit.
Aber für keine von ihnen brauchte man sich zu schämen.
Sie wirkten lösend und manchmal auch erlösend.

Ich glaube mittlerweile, dass jede einzelne Träne etwas von dem bezeugt hat, was Jesus seinen Zuhörern mit dem Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen nahebringen wollte.

Jeder der drei ist ein Teil unserer eigenen mehr oder weniger verborgenen und verbogenen Gefühlswelt.
Je nachdem wie wir gerade drauf sind, können wir uns mal mit diesem mal mit jenem mehr identifizieren.

Die Geschichte ist wohl gerade deswegen auch noch offen.

Wer weiß was mit uns geschehen würde, wenn unser innerer Heimkehrer vom überraschenden Festmahl aufstehen und seinem zuhause gebliebenen Bruder mit genau derselben aufrichtigen Reue und Bereitschaft zum einfachen Dienen entgegen gehen würde, wie es der Heimkehrer des Evangeliums seinem Vater gegenüber getan hat…

Ich glaube, dass das heutige Evangelium auch eine Tür öffnen kann zu einer befreienden, erlösenden und heilenden Aufarbeitung dessen, was an Versagen, Schuld und Verbrechen in den vergangenen Monaten ans Licht getragen wurde.

Es ist gut, dass es ans Licht kommt.
Nur so hört es auf, im Verborgenen die Seelen zu vergiften.
Unrecht darf nicht verschwiegen werden.

Nur am Licht kann es uns die Augen öffnen für die zerstörerischen Kräfte der Respektlosigkeit, die sich des Menschen bemächtigen wollen – um ihn zum Opfer oder zum Täter zu machen.

Das Licht des Evangeliums vertuscht oder verschleiert nichts und verharmlost nichts.
Es überblendet auch nichts.

In ihm lässt sich der Zustand der Kirche und der Klöster genauso deutlich beleuchten, wie der Zustand der Welt und der Gesellschaft und der Familien.
Und das gilt auch für den Zustand unseres Herzens.

Weil es aber ein Licht voll Liebe ist, zerrt es nicht ins gleißende Scheinwerferlicht.
Es zeigt und erhellt für jeden und alle den je eigenen Weg, der ins Leben und in die Lebendigkeit zurückführt.

Diesen Weg erkennen und anerkennen wollen und dann auch noch gehen aber ist uns selbst überlassen.

Gebe Gott, dass wir es wagen. Amen.

P. Jonathan Düring OSB