Integration im SommergartenErste dezentrale Wohngruppe des Eisinger Sankt Josefs-Stifts – Gemeinde Hettstadt hat neue Bewohner positiv aufgenommen – Mehr Privatsphäre als in Großeinrichtung – Lange Wege für Medikamente oder spezielle Angebote – Umzug „keine Minute bereut“
|
|
| POW |
| Das Haus "Sommergarten" in Hettstadt. |
|
Würzburg/Hettstadt (POW) Vor einigenJahren hat die Behinderteneinrichtung Sankt Josefs-Stift in Eisingen mobil gemacht und nach einem passenden Gebäude für eine ihrer Gruppen gesucht. Fündig wurde man in Hettstadt. Dort leben nun 14 Behinderte in einem ehemaligen Hotel und sind laut der Qualitätsbeauftragten des Stifts, Linda Schmelzer, voll integriert in das Gemeindeleben. Seit diesem Jahr sucht die Behinderteneinrichtung weiter nach ähnlichen Immobilien, um das dezentrale Wohnen für Behinderte weiter auszubauen.Es war laut Schmelzer der erste Versuch, mit einer heterogenen Gruppe wirklich auszuziehen und relativ selbstständig zu wohnen. Die Planungen begann 1997 und im Oktober 1998 fand der Umzug statt. „Das Josefs-Stift war zu seiner Gründung vor fast 30 Jahren sehr modern und fortschrittlich“, erklärt Schmelzer. Heute sind solche Einrichtungen nicht mehr aktuell. In den Benelux-Ländern fing man schon Ende der 70er Jahre mit der Dezentralisierung an. In Deutschland wurden die ersten Überlegung Anfang der 90er Jahre gemacht worden. „Unser großes Ziel war es, den Wohnraum zu verbessern.“ Die Gruppengröße im Haus „Sommergarten“ entspricht mit 14 Bewohnern der im Sankt Josefs-Stift, aber in Hettstadt ist doppelt soviel Wohnraum vorhanden. Das Haus war vorher ein Hotel und so haben die meisten Bewohner ein eigenes Zimmer mit einer Nasszelle und einen Balkon - ganz im Gegensatz zum Stift. „Hier können sie sich auch zurückziehen und etwa in ihrem Zimmer Fernsehen. In Eisingen gab es nur einen zentralen Aufenthaltsraum und darum angeordnet die Schlafzimmer“, sagt Schmelzer. Renovierungs- und Sanierungsmaßnahmen waren während des Umzugs kaum notwendig: „Wir haben beispielsweise nur die Geländer an den Balkonen erhöhen und den Zaun um das Grundstück ausbessern müssen“, erklärt die Qualitätsbeauftragte des Stifts.
|
|
| POW |
| Von links: Gudrun, Paul, Günther und Uschi machen es sich im "Sommergarten" gemütlich. |
|
„Nachdem wir das Haus gefunden hatten, waren wir verblüfft, als vier Elternpaare etwas gegen den Auszug ihrer Kinder aus dem Stift hatten“, erzählt Schmelzer. Die Angehörigen hatten Angst, dass die Behinderten aus der Sicherheit der großen Einrichtung herausgerissen würden. Schließlich stellten sich drei der Eltern gegen die Ausgliederung. Als aber ihre Kinder aus Protest das Essen verweigerten und depressiv wurden, wurde doch nachgegeben. Noch vor dem Einzug veranstaltete das Josefs-Stift ein Bürgerforum in Hettstadt, um sich bekannt zu machen. „Die Reaktion der Gemeinde war sehr positiv“, bestätigt Schmelzer. Die Bewohner des „Sommergarten“ sind oft im Dorf unterwegs und werden von den Bürgern akzeptiert. „Einige Male waren wir auch bei Festen im Kindergarten eingeladen“, sagt Pfleger Stefan Wünsch. Die Kommunionkinder kamen mit einem Kuchen zu Besuch und ein Fest der Hettstädter Feuerwehr hat im „Sommergartens“ stattgefunden. In der Nachbarschaft sind auch viele Kontakte entstanden: Als Günther im Winter am Schneeschippen war, räumte er vor lauter Eifer auch den Weg der Nachbarn, wofür schließlich ein leckerer Kuchen zurückkam. Zu Weihnachten übernahm die Gruppe ihren eigenen Stand auf dem lokalen Markt und verkaufte Bilder und Waren aus dem Sortiment des „Allerhand-Ladens“ des Erthal-Sozialwerks. „So verstehen wir Integration, und die Bevölkerung lernt gleichzeitig mit“, meint Schmelzer. Ein Bewohner arbeitete sogar einige Zeit in einem Hettstädter Supermarkt. Sechs der 14 Bewohner des Hauses gehen regelmäßig arbeiten. Sie fahren morgens ins Stift und sind dort in der Werkstatt oder in der Wäscherei beschäftigt. Zum Abendessen sind sie wieder zurück und können danach mit den anderen Fernsehen, Malen oder Spielen. Dienstags und freitags findet eine Abendfreizeit im Stift statt. „Das ist fast wie eine Disko mit Musik, Bar, Kicker und anderen Spielen“, erklärt Schmelzer. Dort treffen die Menschen des „Sommergartens“ auch ihre Freunde, die noch in Eisingen wohnen. Sonntags ist der neunsitzige Bus des Hauses oft vollbesetzt, wenn es abwechselnd zur Morgenmesse nach Eisingen oder in die Hettstädter Kirche geht. Das Zusammenleben im Haus funktioniert laut Aussage der Pfleger sehr gut: „Das ist wie eine Wohngemeinschaft, in der es auch mal Streit gibt, aber den regeln die Bewohner meist selbstständig“, erklärt Schmelzer. Die „vielen Wege“ sind Schmelzer und dem Personal nach rund drei Jahren Erfahrung bisher als eines der größten Mankos aufgefallen. Die Medikamente etwa müssen meist erst in Eisingen geholt werden. Das Essen wurde lange Zeit auf diesem Weg zum Haus „Sommergarten“ transportiert, aber seit Juli konnte dem durch eine Hauswirtschafterin abgeholfen werden. Auch die Ärzte waren im Stift stets zur Verfügung. Doch mittlerweile hat man auch in Hettstadt einen passenden Hausarzt gefunden, der das Vertrauen der Bewohner gewonnen hat. Nur um spezielle Einrichtungen wie das Schwimmbad oder das Klangbett zu nutzen, müssen die „Sommergärtner“ trotzdem noch ins entfernte Stift fahren. Ganz weit weg geht es für alle Bewohner im September, wenn die Gruppe Urlaub am Silbersee in der hessischen Rhön macht. „Wir haben jedenfalls keine Minute bereut, seit wir von Eisingen weggezogen sind“, resümiert Schmelzer.
|