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Jahresvollversammlung 2003 der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung e.V.

Paul-Werner Scheele

Festvortrag

Einheit vor uns

Aktuelle ökumenische Probleme und Chancen

In seinen Predigten über den Ersten Johannesbrief stellt Augustinus die Frage: Woran erkennt einer, dass er den Heiligen Geist empfangen hat? Die Bedeutung dieser Frage wird einem bewusst, wenn man sich daran erinnert, dass Paulus den Römern schreibt: „Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm“ (Röm 8,9). Die Antwort, die der Bischof von Hippo seinen Zuhörern gibt, lautet: „Er sehe, prüfe sich selber vor den Augen Gottes; er sehe, ob in ihm die Liebe zu Friede und Einheit ist.“[1] Unser Thema hat somit einen Sitz in unserem Leben. Wehe uns, wenn es ihn nicht hätte! Wer Christ sein will ist gehalten, sich in tätiger Liebe für den Frieden und die Einheit einzusetzen. Im Hinblick auf diese elementare Christenpflicht wollen wir uns auf das besinnen, was uns heutzutage vorgegeben und aufgegeben ist.

I. Einheit vor uns

Die Worte „Einheit vor uns“ weisen uns auf zwei Gegebenheiten hin, die bei aller Unterschiedenheit innerlich zusammengehören:

1. Die Einheit in Christus ist vor uns da. Sie ist ein Werk des Herrn, das unsere Sünden nicht zerstören können.

2. Der Einsatz für die volle Verwirklichung der Einheit in Christus ist eine Aufgabe, die vor uns liegt und uns alle herausfordert.

1. Die Wirklichkeit der Einheit

Bis zur Stunde leiden Kirche und Welt unter der innerchristlichen Spaltung. Leider fehlt es nicht an Anschauungsunterricht, der uns deutlich macht, wie tief die Gräben zwischen den Kirchen auch heute noch sind. Es wäre fatal, wollten wir Ernst und Leid der Spaltung bagatellisieren. Dennoch ist auch hier das „Und dennoch“ des Glaubens gefordert. Allen durch Menschen verursachten Trennungen zum Trotz weiß der Glaube: „Und dennoch ist Einheit da!“ Die Mauern der Trennung reichen nicht bis zum Himmel.

In einem Wort zur Confessio Augustana hat der Papst (am 25.6.1980) ein anderes Bild gebraucht: Er sprach von einer unvollendeten Brücke. Im Rückblick auf 1530 wie im Hinblick auf unsere Aufgaben heute sagte er, dass seinerzeit „zwar der Brückenbau nicht gelang, dass aber wichtige Hauptpfeiler der Brücke im Sturm der Zeiten erhalten geblieben sind.“ Er fügte hinzu, dass wir in unserer Zeit neu entdeckt haben, „wie breit und fest die gemeinsamen Fundamente unseres christlichen Glaubens gegründet sind.“ Mit anderen Worten: Trotz und in aller Not der Spaltung ist das Geschenk einer wesenhaften Einheit in Christus nicht einfachhin verloren gegangen. Wir sind als Christen nicht total von einander getrennt, so dass die Einheit erst nach der erfolgten Wiedervereinigung zustande kommen kann. Auch hinsichtlich der Einheit gibt es ein „jetzt schon“ und „noch nicht“: Wir leben jetzt schon in einer wirklichen Einheit, auch wenn es äußerst ernste Trennungsfaktoren zwischen uns gibt. Wir haben nicht Schritte von der Spaltung zur Einheit zu machen; wir sind gerufen, von der gefährdeten und in wichtigen Dimensionen nicht realisierten und daher unvollkommenen Einheit her mit aller Kraft die volle Einheit zu erstreben. Pointiert und zugestandenermaßen ein wenig missverständlich können wir sagen: Es geht primär nicht um Wiedervereinigung, sondern um Weitervereinigung! Genau das ist die Aufgabe die vor uns allen liegt. Auch sie ist uns wie das Einheitsgeschenk selber durch Gottes Gnade vorgegeben.

2. Die weitere Verwirklichung der Einheit

Trotz aller unserer Sünden lässt unser Herr nicht von seinem einheitsstiftenden Handeln ab. „Wie er in den Tod ging, >um die zerstreuten Kinder Gottes zur Einheit zu sammeln< (Joh 11,52), so lebt und wirkt er weiter, >damit alle eins seien< (Joh 17,21). Gegen alle Mächte, die von innen wie von außen die christliche Einheit bedrohen, bringt er sein Werk durch die Kraft seiner Auferstehung und Erhöhung im Heiligen Geist zum Ziel. Er vollendet, was er begonnen hat.“[2] Alle Christen sind berufen, das Ihre dazu beizusteuern. Uneingeschränkt gilt das Postulat des Ökumenismusdekretes: Die Einheit „ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen.“[3]

Angesichts dieser Aufgaben gilt es, einer zweifachen Versuchung zu widerstehen. Nach dem Zeugnis des Epheserbriefs gehört zu dem „einen Leib und dem einen Geist“ die „Berufung zu einer gemeinsamen Hoffnung“ (Eph 4,4). Wir dürfen das Beste hoffen und sind zugleich verpflichtet, das Beste zu tun. Dagegen versündigt sich, wer einer der beiden Formen der Hoffnungslosigkeit verfällt: der Verzweiflung und der Vermessenheit. „Gegen die Hoffnung handelt, wer den jetzigen Status der Ökumene für so schlecht hält, dass keine entscheidende Verbesserung möglich ist, oder für so gut, dass keine entscheidende Verbesserung nötig ist.“[4] Die Konsequenz liegt auf der Hand: „Der von allen Christen geforderte Dienst an der Einheit muss Ausdruck der unentwegten und unverdrossenen unverkürzten christlichen Hoffnung sein.“[5]

Beide Weisen der Hoffnungslosigkeit berufen sich auf die heutige Situation. Für die einen ist sie so katastrophal, dass die christliche Einheit zunehmend bedroht ist; für andere ist sie so großartig, dass sie so oder so der Förderung der Ökumene zugute kommt. In beiden Fällen wird meines Erachtens die heutige Situation sowie die Ökumene verkannt. Versuchen wir, uns ein realistisches Urteil zu bilden.

II. Probleme und Chancen

Viele und dazu teilweise entgegengesetzte Phänomene drängen sich auf, wenn man sich ein Bild von der heutigen Weltsituation machen will. Diese spannungsgeladene Vielfalt weist auf ein erstes epochales Kennzeichen unserer Zeit hin: die Pluralisierung. Für viele ist sie zum Inbegriff der Postmoderne geworden.

Pluralisierung

Unser aller Leben vollzieht sich in einer immer weniger überschaubaren Vielzahl und Vielfalt von Dingen, Personen und Gruppierungen. Es sieht so aus, als zerspalte sich die Menschheit mehr und mehr „in einen variationsreichen Pluralismus der verschiedensten Lebensformen, politisch: in zahlreiche Staaten und gesellschaftliche Gruppen mit unterschiedlichen, ja gegenläufigen Interessen, kulturell: in verschiedene Kulturräume mit nicht nur je besonderer Geschichte und Tradition, sondern auch mit den unterschiedlichsten Wert- und Normsystemen, Brauchtümern und Gewohnheiten, Wahrheitsvorstellungen und ästhetischen Horizonten, religiös: in die mit den einzelnen Kulturen aufs engste verbundenen variabelsten Religionen und religiösen Praktiken, aber auch in den Pluralismus verschiedenster Realisationen innerhalb ein und derselben Religion, wissenschaftlich: in einen Wissenschaftspluralismus, in dem die verschiedenen Grundlagentheorien und Methodenparadigmen unversöhnt nebeneinander Anspruch auf Geltung erheben.“[6]

Viele nehmen diese Pluralität als Alibi für das unverbundene Vielerlei christlicher Lebensformen. Deshalb sehen sie keinen Anlass, sich um einen tragfähigen Konsens in den Grundfragen des Glaubens zu bemühen, noch halten sie eine verbindliche Form der Kirchengemeinschaft für notwendig. Hinsichtlich der ethischen Normen nehmen sie sich radikal widersprechende Positionen ohne weiteres hin, wenn sie diese nicht sogar als Ausdruck des christlichen Reichtums werten und als Zeugnis dafür, dass die Christenheit hinsichtlich des Pluralismus auf der Höhe der Zeit ist. Führt das Phänomen der Pluralisierung zur Ideologie des Pluralismus, dann ist damit zugleich der Relativismus sanktioniert. Ist am Ende alles gleich gültig, dann wird alles bald gleichgültig sein, dann ist man weltenweit vom Wesen des Christlichen entfernt, zu dem das Prinzip der entschiedenen Entscheidung gehört. Was Jürgen Habermas im Blick auf die säkulare Gesellschaft festgestellt hat, ist auch hinsichtlich der christlichen Gemeinschaft bedenkenswert. Er erkennt an, „dass die plurale Gesellschaft einen unbestreitbaren Freiheitszuwachs für den einzelnen erbracht hat. Negativ konstatiert er, dass plurale Gesellschaften fundamentalistische und neoliberale Positionen begünstigen. Fundamentalisten haben Totalitätsansprüche, Neoliberale begünstigen ein >anything goes<, sie sind daher für Habermas in historischer Hinsicht ein Zynismus.“[7] Deshalb ist mit der unumkehrbar gegebenen Pluralität „im Prinzip die Pflicht und die Notwendigkeit der konsensus-orientierten Kommunikation verbunden.“[8]

Eben das ist eine ökumenische Aufgabe. Mit aller Kraft ist eine konsensus-orientierte Kommunikation anzustreben. Eine solche zielt nicht auf Konfrontation ab, sie sucht den Lebensaustausch im Miteinander. Sie errichtet nicht trennende Mauern, erst recht erhöht sie diese nicht; sie baut Brücken. Sie ist auf die optimale Übereinstimmung aus. Dabei geht es keineswegs um Gleichmacherei und schon gar nicht um eine Verleugnung von Glaubensüberzeugungen. Wohl aber wird ein Konsens erstrebt, welcher der Konkretgestalt der biblisch bezeugten Einheit des Gottesvolkes gemäß ist. In ihr sind Einheit und Vielheit wesenhaft verbunden. „Die Einheit in Christus ist nicht trotz der Vielfalt und gegen sie, sondern mit und in der Vielfalt geschenkt. Das Wirken des einen einenden Gottesgeistes setzt nicht erst ein, wo Getrenntes zu verbinden ist; es schafft unterschiedliche Wirklichkeiten und erhält sie als solche, um gerade sie in die Einheit der Liebe hineinzuführen. Zum einen Leib gehören viele Glieder (1 Kor 12,4-30; Röm 12,4-8; Eph 4,7-16)... In versöhnter Vielfalt sind die unterschiedlichen Glieder Teil eines größeren Ganzen geworden, in dem die Verschiedenheit nicht nivelliert, sondern profiliert und so in Dienst genommen wird.“[9] Wörtlich lehrt das II. Vatikanische Konzil: „So geben alle in der Verschiedenheit Zeugnis von der wunderbaren Einheit im Leibe Christi; denn gerade die Vielfalt der Gnadengaben, Dienstleistungen und Tätigkeiten vereint die Kinder Gottes, weil >dies alles der eine und gleiche Geist wirkt< (1 Kor12,11).“[10]

Diese Gegebenheit ist bei der Bestimmung des ökumenischen Zieles zu beachten. Damit ist eine der dringlichsten Aufgaben unserer Zeit genannt. Bis zur Stunde gehen die Zielvorstellungen weit auseinander; viele von ihnen schließen sich geradezu aus. Das ist mit ein Grund dafür, dass die ökumenische Situation so unterschiedlich und oft geradezu entgegengesetzt beurteilt wird. Viele werden sagen: „Das kann gar nicht anders sein. Haben nicht alle sozusagen von Haus aus bewusst oder unbewusst andere Vorstellungen? Gebraucht nicht jeder die Kriterien, die ihm von seiner Kirche her vertraut sind?“ Zweifellos ist es so, aber muss es dabei bleiben? Gibt es bei aller Respektierung der genannten Gegebenheiten nicht doch Maßstäbe, die wir miteinander finden und anwenden können? Meines Erachtens kann eine konsensus-orientierte Kommunikation uns in diesen Fragen weiterhelfen. Dabei sind alle gut beraten, wenn sie bedenken, dass die uns zugedachte Einheit nach dem Bild und Gleichnis des dreieinen Gottes gestaltet ist. In ihm schließt die Einheit die Vielheit und die Vielheit die Einheit nicht aus; der eine Gott lebt von urher in der Vielheit der drei Personen. Deshalb muss die Ver-absolutierung der isolierten Einheit überwunden werden durch die vom wahrhaft Absoluten empfangene Einheit in Vielheit. Es geht also nicht darum, für die Einheit die Vielheit zu opfern noch um der letzteren willen die erste hinzugeben; es kommt darauf an, das lebendige Miteinander, ja Ineinander von Einheit und Vielheit zu suchen, zu sehen und zu leben. Das wird in der gesamten Ökumene um so mehr gelingen, als jede Kirche und jede kirchliche Gemeinschaft in ihrem ureigensten Bereich entsprechend zu handeln versucht. Für die Katholische Kirche lautet der Imperativ gemäß dem Votum des Ökumenismusdekretes: „Alle in der Kirche sollen unter Wahrung der Einheit im Notwendigen je nach der Aufgabe eines jeden in den verschiedenen Formen des geistlichen Lebens und der äußeren Lebensgestaltung, in der Verschiedenheit der liturgischen Riten sowie der theologischen Ausarbeitung der Offenbarungswahrheit die gebührende Freiheit walten lassen, in allem aber die Liebe üben.“[11]

Zusammen mit der zunehmenden Pluralisierung wird unsere Zeit durch die Globalisierung geprägt. Auch mit dieser sind ökumenische Probleme und Chancen verknüpft.

Globalisierung

Jeder von uns kann erfahren, dass wir in einer wachsenden Verbindung einer wachsenden Menschheit leben. Verkehrs- und Nachrichtenmittel machen Fernste zu Nächsten. „Die weltweite computerisierte Kommunikation, die bereits Milliarden von Menschen verbindet,“ führt immer mehr zu „unser aller Vernetzung.“ [12] Vom Sport bis zur Kultur vollziehen sich viele Bereiche unseres Lebens in globalen Dimensionen. Die Außenpolitik wird in zunehmendem Maß zur Weltinnenpolitik. Selbst in überschaubaren Räumen muss das Wirtschaften globale Beziehungen aufnehmen, wenn es bestehen will.

Während viele die Globalisierung fürchten und sich als Globalisierungsgegner engagieren, können wir sie unter ökumenischem Aspekt dankbar begrüßen. Praktisch hat ihre Dynamik viel zur ökumenischen Bewegung beigetragen. Vielen Christen ist erst im Kontext der Globalisierung bewusst geworden, dass sie zusammengehören. Vermehrt machen technische Fortschritte, die zur Globalisierung geführt haben, weltweite Kontakte möglich, durch die wir erfahren können, wie die Christgläubigen anderer Kontinente denken und handeln. So können wir hilfreiche Impulse von ihnen empfangen und zugleich ihre Nöte in einer Form miterleben, die früher undenkbar war.

Auf diese Weise rückt uns die vielerorts virulente Gefährdung der Schöpfung auf den Leib. Wir werden überdies mit ungerechten Strukturen konfrontiert, unter denen die heutige Menschheit zu leiden hat. Wir werden in kriegerische Auseinandersetzungen einbezogen, die sich irgendwo ereignen und bald schon auch uns unmittelbar bedrohen können. Für viele Mitchristen sind diese Notstände von einer solchen Bedeutung für die Menschheit, dass sie sich nur noch mit ihnen befassen und nicht mehr auf die Einheit im Glauben aus sind. Etliche Vertreter der Dritten Welt halten die Glaubensprobleme der europäischen und nordamerikanischen Christen und die mit ihnen befassten Dialoge für längst überholt. Sie erklären: „Die Rechtfertigung des Sünders ist uninteressant; entscheidend ist der Kampf um die Gerechtigkeit. Das ist ein Kampf ums Überleben nicht nur derer, die unmittelbar unter der schreienden Ungerechtigkeit leiden; unsere globale Verbundenheit bringt es mit sich, dass es ums Überleben der Menschheit geht.“ Zweifellos laufen wir im Abendland Gefahr, den Ernst dieser Herausforderung zu verkennen. Geschieht das auf Dauer, dann ist in der Tat die christliche Ökumene bedroht. Andererseits hätte es ebenso fatale Folgen, wenn das eigentlich Christliche zugunsten von sozialen und politischen Initiativen verlassen würde. Das würde sich nicht zuletzt auf die Lösung der genannten Probleme auswirken. Diese sind ja mit äußeren Mitteln allein nicht zu bewältigen, sie hängen wesentlich von geistigen und geistlichen Entscheidungen ab. Die Umweltfrage ist letztlich eine Innenweltfrage. Die Gerechtigkeit wird erst voll verwirklicht, wenn im Glauben erkannt und bejaht wird, dass alle Menschen Kinder Gottes sind und dass unser aller Vater den Einsatz für die Gerechtigkeit von uns allen fordert. Frieden wird es erst dann geben, wenn der Friede, den Christus gebracht hat, empfangen und weitergegeben wird, wenn möglichst viele dem biblischen Appell folgen: „Suche den Frieden, und jage ihm nach“ (Ps 34,15).

Die Bewahrung der Schöpfung, die Verwirklichung der Gerechtigkeit und des Friedens in aller Welt werden nur gelingen, wenn alle Religionen und Weltanschauungen das Ihre dazu beitragen. In unserer Zeit ist das in neuer Weise möglich und nötig. Durch die Globalisierung kommen Christen allenthalben in einer bislang unbekannten Form mit Anhängern anderer Religionen zusammen. Viele empfinden das als eine Bedrohung des christlichen Glaubens. In der Tat gibt es zwei Gefährdungen, die vielfach nicht als solche erkannt werden. Sie lassen sich mit den Schlagworten Synkretismus und Fundamentalismus markieren. In der Begegnung mit den Weltreligionen sind viele versucht, diese allesamt als gleichartig und gleichwertig mit dem christlichen Glauben anzusehen. Das führt einerseits zu einem Relativismus, in dem Wesentliches der Christuswahrheit preisgegeben wird; andererseits gibt es das Bemühen, aus allen Religionen das herauszuholen, was einem zusagt, und es zu einem künstlichen Gebilde zusammenzusetzen. Das praktizieren viele einzelne Christen, die meinen, sich ein selbstgewähltes Menu zusammenstellen zu können; darüber hinaus gibt es Theorien, die mehr oder weniger deutlich vom Synkretismus bestimmt sind. Manche meinen sogar, auf solche Weise zu einer Superreligion zu kommen, die besser ist als alle bisherigen Religionen. Wenn sie noch so gut gemeint sein mögen wirken sich solche Praktiken und Theorien verheerend auf den Glauben und damit auf die christliche Ökumene aus. Angesichts solcher Gefährdungen ist es verständlich, dass etliche ihr Heil im Fundamentalismus suchen. Sie ziehen sich auf das zurück, was sie für das Wesentliche des Christentums halten, versperren sich jedem Dialog und verweigern damit den Nichtchristen das authentische Glaubenszeugnis. Oft trennen sich fundamentalistisch Agierende selbst von ihren Mitchristen; sie sehen sich selber als die einzigen Glaubenshüter und verdächtigen alle, die sich ihnen nicht anschließen.

Synkretismus und Fundamentalismus werden erst dann überwunden, wenn es gelingt, den ihnen zugrunde liegenden legitimen Intentionen gerecht zu werden. Zum einen muss alles getan werden, um das Positive in den nichtchristlichen Religionen angemessen zu würdigen; zum anderen gilt es, aus der Mitte des christlichen Glaubens heraus zu werten und zu handeln. Mit anderen Worten: Es muss das rechte Verhältnis von Dialog und Mission gefunden werden. „Alle Christen sind dazu aufgerufen, sich an der doppelten Aufgabe der Kirche des einen Sendungsauftrags in Dialog und Verkündigung zu beteiligen.“[13]

Das fruchtbare Miteinander der Christen und Nichtchristen ist eine wichtige Hilfe angesichts einer fundamentalen Gefährdung, die sie allesamt betrifft: Der christliche Glaube und damit die Ökumene sowie die Weltreligionen werden miteinander durch den modernen Säkularismus bedroht. Er ist mehr als ein leidiges Randphänomen; er ist eine in vielen Lebensbereichen sich auswirkende Macht.

Säkularisierung

Viele Fakten haben die Flut der Säkularisierung ausgelöst, die sich allenthalben verheerend auswirkt. Wissenschaft und Technik haben das Verhältnis aller Menschen zur Welt, in der sie leben, grundlegend verändert. Während der Mensch früher in dem ihn umfangenden Kosmos eine höhere Mächtigkeit und eben darin die Offenbarung einer höchsten Macht fand, steht er jetzt vor seiner Tat und erfährt seine Macht, aber auch seine Ohnmacht. Hinzu kommt, dass elementare Weisen des Zusammenlebens eine tiefgreifende Veränderung mitmachen. Besonders davon betroffen sind die Familien. In dem Maße wie sie beeinträchtigt werden schwindet eine der wichtigsten Quellen religiösen Lebens. Die Dynamik der Säkularisierung einzelner Bereiche ist derart, dass ihr Übergreifen auf alle Räume nur eine Frage der Zeit zu sein scheint. Schon heute ist im Geist vieler dieser letzte Schritt bereits getan. Es gibt ein Säkularisierungsverständnis, das schlechthin die ganze Wirklichkeit umgreift. Nicht dieser oder jener Teil nur, nein die ganze Welt wird als „weltlich“, als in sich stehende, absolut eigengesetzliche, als geschlossene Realität erkannt und geliebt. In dem Maße, wie das geschieht, scheint es keinen Platz mehr für den Glauben und die Religion zu geben.

In dieser Situation ist es geboten, möglichst gemeinsam die Tore dieses geistigen Gefängnisses zu öffnen und die Freiheit des Menschen neu zu gewinnen. Den Christen ist insbesondere aufgetragen, sich auf Grundaussagen der Heiligen Schrift zu besinnen und sich mehr als bislang auf den Grundauftrag des Glaubens zu konzentrieren. Das biblische Zeugnis versichert uns, dass der allmächtige Gott unsere ganze Welt in Freiheit geschaffen hat und zwar so, dass alle Dinge in einer gottgeschenkten Eigenart da sind. „Durch ihr Geschaffensein selber nämlich haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissenschaften und Techniken eigenen Methode achten muss.“[14] Wird das in der rechten Weise praktiziert, dann kann es niemals zu einem „echten Konflikt mit dem Glauben kommen, weil die Wirklichkeiten des profanen Bereichs und die des Glaubens in demselben Gott ihren Ursprung haben.“[15] Mehr als bislang sollte im innerchristlichen Dialog die Schöpfungsbotschaft bedacht werden, damit sie möglichst gemeinsam in den Dialog mit den Weltreligionen eingebracht werden kann.

Von wahrhaft fundamentaler Bedeutung ist es, sich vermehrt auf das Glaubensgeschehen zu konzentrieren. „Glaubt ihr nicht, dann bleibt ihr nicht“ (Jes 7,9). Dieses Prophetenwort gilt nicht zuletzt der gesamten ökumenischen Bewegung. Die Einheit, die ihr gottgegebenes Ziel ist, ist wesenhaft Einheit im Glauben. Deshalb muss weiterhin der Konsens in den Glaubenswahrheiten gesucht werden. Darauf hinzuweisen ist leider notwendig geworden, da sich die Stimmen mehren, die den innerchristlichen Glaubensdialog diffamieren. Sie vertreten die Meinung, im Dialog solle es um alle möglichen Praxisprobleme gehen; man möge vereinbaren, was man miteinander tun kann, aber die Glaubensfragen gefälligst vermeiden. Manchmal wird hinzugefügt: „In ihnen gibt es ohnehin kein Einvernehmen.“ Dieser Pessimismus ist unberechtigt. Die Ergebnisse des bisherigen ökumenischen Dialoges können uns eines Besseren belehren. Hunderte von Seiten bezeugen eine wachsende Übereinstimmung im Glauben. Aus ihrer Fülle sei die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ herausgegriffen, die am 31. Oktober 1999 in Augsburg von Repräsentanten der Katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes feierlich unterzeichnet worden ist. Die Freude über die uns geschenkten Glaubenszeugnisse wird durch das Faktum getrübt, dass diese bislang nicht hinreichend rezipiert worden sind. Allzu vieles ist auf dem Papier verblieben und noch nicht in den Blutkreislauf der Kirche eingegangen. Nachdrücklich hat der Papst herausgestellt: Die Dialogergebnisse „dürfen nicht Aussagen der bilateralen Kommissionen bleiben, sondern müssen Gemeingut werden. Damit das geschieht und sich auf diese Weise die Gemeinschaftsbande festigen, bedarf es einer ernsthaften Untersuchung, die in verschiedenen Weisen, Formen und Zuständigkeiten das Volk Gottes als ganzes einbeziehen muss.“[16]

Lassen Sie mich hinzufügen, dass speziell gottesdienstliche Feiern die Rezeption fördern können: In ihnen kann für das Erreichte gedankt und für das Versagen um Verzeihung gebetet werden; hier vor allem ist durch die Fürbitte für die noch offenen Fragen die Hilfe des Herrn zu erflehen. Im Blick auf die fällige Rezeption bewahrheitet sich die Konzilsaussage, dass der geistliche Ökumenismus „als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen“ ist[17]. Er kann von jedem Christen praktiziert werde, er muss es!

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[1] Gott ist die Liebe. Die Predigten des hl. Augustinus über den 1. Johannesbrief, hg. v. F. Hofmann, Freiburg 31954, 81.

[2] Gemeinsame römisch-katholische/evangelisch-lutherische Kommission, Wege zur Gemeinschaft, Paderborn u. Frankfurt 1980, n. 6; zit.: W.

[3] II. Vatikanisches Konzil, Ökumenismusdekret „Unitatis redintegratio“ n. 5; zit.: UR.

[4] W n. 28.

[5] W n. 29.

[6] G. Greshake, Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie, Freiburg 21997, 492.

[7] H.-G. Ziebertz, in: G. Hilger, St. Leimgruber, H.-G. Ziebertz, Religionsdidaktik, München 2001, 72.

[8] Ebd.

[9] W n. 34-36.

[10] II. Vatikanisches Konzil, Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ n. 32.

[11] UR n. 4.

[12] J.-E. Berendt, Das Leben – ein Klang. Wege zwischen Jazz und Nada Brahma, München 1998, 201.

[13] Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog/Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Dialog und Verkündigung, Rom 1991, n. 82.

[14] GS n. 36.

[15] Ebd.

[16] Johannes Paul II., Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene, Rom 1995 n. 16.

[17] UR n. 8.