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Festvortrag von Altabt Dr. Odilo Lechner OSB

Wegweisung Augustins für das 21. Jahrhundert

Einleitung:

Wie kann ein Benediktiner über Augustinus sprechen, wurde ich heute gefragt.

Zunächst aus Gehorsam gegenüber einem bayerischen Staatsminister, dem Präsidenten der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung, Dr. Thomas Goppel. Aber dass ich zur Beschäftigung mit Augustinus und damit vor 50 Jahren auch zum Studium nach Würzburg kam, verdanke ich auch einem Gehorsamsakt: Als ich 1953 in St. Bonifaz die erste Profess ablegte, erhielt ich den Ordensnamen Odilo, damals noch ganz aus den geheimen Ratsschlüssen des Abtes, meines Vorgängers Hugo Lang, der sich selber öfters mit Augustinus beschäftigt hat. Er wollte wohl an einen der Großen unseres Hauses erinnern, an Odilo Rottmanner (1841 – 1907), langjähriger Bibliothekar, Stiftsprediger und anerkannter Gelehrter. Überliefert sind freilich vor allem seine humorvollen Bemerkungen wie sein Wunsch nach einer Grabinschrift nach Psalm 119: omnem viam iniquam odi(l)o habui Wenn er wegen seines sicheren wissenschaftlichen Urteils gerühmt wurde, antwortete er öfters: „Ihr nennt mich ein Genie? Ich habe nur eines vor anderen voraus, dass ich meinen Augustinus besser kenne.“ Mit Augustinus hat er sich sein Leben lang beschäftigt, wohl angeregt durch seinen Lehrer am Gymnasium St. Stephan in Augsburg, Abt Theodor Gangauf, der Bücher über Augustinus geschrieben (Metaphysische Psychologie Augustins, 1844; Glaube und Wissen nach den Prinzipien des Kirchenlehrers Augustinus, 1851) und auch Anton Günther in Rom verteidigt hatte. Rottmanners Lebensarbeit war der Versuch, die Concordantiae Augustinianae von Lenfant (1656) zu erneuern und zu erweitern, vor allem als einen Index der Ideen, wie er schon für Wölfflins Thesaurus Linguae Latinae die Werke Augustins übernommen hatte. Bei der Arbeit an der Konkordanz ist er vor seinem Tod bis zum Wort Peccatum gekommen. Nachdem zwei dafür vorgesehene Mitbrüder in der Seelsorge benötigt wurden, wanderte sein Manuskript zum schottischen Gelehrten Baxter, wurde dort aber auch nicht weitergeführt.

Vom Himmel her sieht er sicher all seine Anliegen in der Arbeit von P. Cornelius Petrus Mayer am Corpus Augustinianum Gissense und am Augustinus Lexikon mit Wohlgefallen mehr als erfüllt.

Wir stehen vor der Aufgabe, das neue Europa aufzubauen auf tragfähigen geistigen Fundamenten. Dazu brauchen wir die Besinnung auf Augustinus.

Erich Przywara SJ schrieb: „Wenn es wahr ist, dass der europäische Geist durch zwei Mächte in ihrer Vermählung bestimmt ist, die Antike und das Christentum, dann ist Augustinus sein Genius. Denn er ist diese Vermählung.“

Er weist darauf hin, wie Augustinus einerseits von Parmenides-Plato die Bewegung vom Wandelbaren zum Unwandelbaren aufnimmt und weiterführt in der Logostheologie des Johannes, wie er anderseits von Heraklit-Aristoteles den in sich schwingenden Rhythmus der Gegensätze aufgreift und fortführt in den „Sturm der Liebe“ von Paulus, in den Kampf zwischen Fleisch und Geist.

Darum ist Augustin der „Genius des europäischen Geistes: Ursprung seiner sich bekämpfenden Motive, Höhe über diesem Kampf“.

Die Geistesgeschichte Europas ist ja in allen Jahrhunderten von Augustinus geprägt. Von Anselms fides quaerens intellectum bis zur Phänomenologie Max Schelers. Gegensätzliche Positionen leiten sich von Augustinus her: Thomas, Bonaventura und Scotus, die Reformatoren, der Jansenismus, Descartes und Malebranche, die Transzendentalphilosophie wie die Romantik.

Aber wozu kann uns im 21. Jahrhundert besonders Augustinus ein Wegweiser sein? Dazu einige subjektive Stichpunkte. Zunächst scheint mir wichtig:

 

1. Die Wiedergewinnung unserer Sprachfähigkeit

Uwe C. Steiner schrieb im Oktoberheft der Literaturzeitschrift „Akzente“ zu Botho Strauss und dem Mythos Kommunikation:

„Eine gewaltige akustische Glocke überwölbt die gegenwärtige Welt – eine Glocke aus Rauschen und Lärm. Es schallt aus allen Ecken …. Kommunikation war der Versuch, das Schweigen der Stimmen in der Vertikale durch die Vernetzung in der Fläche zu kompensieren…“ Er zitiert dabei Botho Strauss: „Der Dichter ist die schwache Stimme in der Höhle unter dem Lärm“.

Das gilt auch von der Sprache der Kirche in Verkündigung und Liturgie. Bei der Verleihung des Büchnerpreises sagte Günter Eich: „Von Gott kann man nicht sprechen, wenn man nicht weiss, was Sprache ist. Tut man es dennoch, so zerstört man seinen Namen und erniedrigt ihn zur Propagandaformel.“

Joseph Bernhart, dem wir m.E. immer noch die sprachgewaltigste Übersetzung der Confessiones verdanken und der unserem Kloster St. Bonifaz sehr verbunden war, erzählt. Vor einem Bild der Steinigung des Stephanus habe er sich gefragt: Wofür lohnt es sich zu sterben? Und er fand seine Antwort: für die Sprache.

Das, denke ich, gilt auch für Augustinus, wie gerade die Confessiones zeigen.

a) Confessio versteht Augustinus als Selbstaussage des Menschen, ja des Seins. Der Mensch kann sich ausdrücken, sein Leben ins Wort bringen, anderen berichten, den ihm Nahestehenden, in ihnen aber dem ganzen menschlichen Geschlecht (Confessiones 2,5: narro haec generi meo, generi humano …). Er kann sein Elend bekennen und die barmherzige Führung Gottes, er sagt sich aus auf seinen Ursprung hin und auf sein Ziel: quia fecisti nos ad te (Confessiones 1,1). Die Selbstaussage des Menschen wird Ruf zu Gott, wird Lobpreisung Gottes. Die Sprache des Menschen aber wird Stimme alles Seienden: clamant, quod facta sint … vox dicentium est ipsa evidentia – Himmel und Erde rufen, dass sie erschaffen sind … die Stimme der Rufenden ist, wie sie sich zeigen, uns aufscheinen (Confessiones 11,6).

Diese Selbstaussage des Menschen bleibt freilich immer ungenügend, weil der Mensch so vieles nicht weiss, nicht einmal von sich selber. Aber gerade darum ist die Confessio als Bekenntnis des Nichtwissens ein Schritt hin zu dem, der alles weiß. Darum brennt Augustin darauf, Gott sein Wissen und sein Unwissen zu bekennen, die Anfänge der Erleuchtung durch ihn und den Rest der eigenen Finsternis (Confessiones 11,2: confiteri scintiam et imperitiam meam, primordia inluminationis tuae et reliquias tenebrarum mearum).

b) Sprache ist Suche nach Wahrheit.

Dem Rhetor, dem Meister der Sprache, ging es aber mehr und mehr um das, für was die Rede nur feines oder grobes Gefäß ist, um die Wahrheit (Confessiones 5,10: nec eo debere videri aliquid verum dici, quia eloquenter dicitur). Das ließ ihn an den manichäischen Weltschilderungen zweifeln, dass sie mit vernünftiger Einsicht, gewonnen aus nachrechnender und auf Erfahrung beruhender Forschung, nicht übereinstimmten (Confessiones 5,6: ad illas rationes numeris et oculis meis exploratas non occurrebat et longe diversum erat). Aber nie gab er sich mit der Selbstbescheidung des Skeptikers zufrieden, – es war seine Furcht, er könnte sterben, ohne die Wahrheit gefunden zu haben (Confessiones 7,7: de timore mortis et non inventa veritate …). Als sie ihm aufgeleuchtet ist, gab es keinen Zweifel mehr: „eher hätte ich gezweifelt, dass ich lebe, als daran, dass Wahrheit ist“, die am Geschaffenen durch seine Erkenntnis sich erschauen lässt“ (Confessiones 7,16: faciliusque dubitarem vivere me quam non esse veritatem …).

Er erkennt in Gott die Wahrheit und den Lehrer des Wahren, wo immer (etwa bei den Platonikern) und woher immer es aufleuchtet (Confessiones 5,10: nec quisquam praeter te alius doctor est veri, ubicumque et undecumque claruerit).

In einer Zeit der Gleichgültigkeit, der Skepsis und der Verzweiflung ist es gerade die Aufgabe dessen, der an das ewige Wort glaubt, in dem alles geschaffen ist, zur Suche nach der Wahrheit anzuregen und die Freude, ihre Spuren zu entdecken, weiterzugeben.

c) Das bedeutet im Sinn Augustinus den Vorrang des inneren Wortes.

In einer Welt der äußeren Daten, der Börsenkurse und Statistiken ist die Mahnung Augustinus redi in te ipsum, die Verankerung der Wahrheitserkenntnis im homo interior erneut von besonderer Dringlichkeit. Im Inneren leuchtet Wahrheit auf, die Welt der Ideen, nach denen wir äußere Dinge beurteilen; weil dieses Aufleuchten für Augustinus durch die Einstrahlung, die Illumination der ewigen Wahrheit ermöglicht wird, ist rationale Intuition immer schon in den Weg eingefaltet, der zum Berühren der ewigen Wahrheit selber führt, in einer mystischen Schau der Seelenspitze (vgl. Enarratio in Ps. 41,10: acie mentis aliquid incommutabile, etsi perstrictim el raptim, perspicere potuimus). So dürfen wir im Erkennen des Menschen, in Dichtung und Musik durchaus eine oft nicht bewusste Mystik des Alltags entdecken. Solches blitzhafte Aufleuchten ewiger Wahrheit lässt sich nicht festhalten, geschweige denn im äußeren Wort fassen. Dem äußeren, lauthaft gesprochenen Wort (verbum externum) geht das in der Seele vorgestellte (cogitatio soni) voraus, ihnen aber liegt das verbum internum zu Grunde, das Wort des Herzens, erhaben über die Verschiedenheiten der Sprachen, das Wort im eigentlichen und höchsten Sinn (De trinitate 15,20: cui magis verbi competit nomen). Gerade heute, da äussere Überlieferungen abbrechen, müssen wir uns umso mehr bewusst sein, dass das äußere Wort zwar als anregender Anstoß notwendig ist, aber der innere Lehrer, die Wahrheit selbst, zur Einsicht führt, innere Zustimmung und Überzeugung schenkt.

Niemand, schreibt Augustin einmal, sieht im Buch selbst, dass es wahr ist, oder in dem, der es geschrieben hat, sondern vielmehr in sich (in se potius), sofern seinem Geist ein ganz und gar nicht gewöhnlicher Glanz eingeprägt ist (non vulgariter candidum), das Licht der Wahrheit (lumen veritatis) (Epistula 19).

d) Daraus ergibt sich ein Vorrang des Fragens.

Nicht im Behaupten, sondern im Fragen soll die Abhandlung vorgehen – non adfirmando, sed quaerendo tractandum est, schreibt Augustinus im Eingang zu seiner Schrift De genesi ad litteram imperfectus liber. Gewiss dürfen wir wie Augustinus darlegen, was uns sicher ist (quae certa nobis ….), aber wenn wir weiter suchen, abwägen, zweifelnde Fragen stellen nach dem, was noch unsicher ist, zeigen wir uns selber als der Belehrung bedürftig und bewahren den Leser vor verwegenen Behauptungen (De Genesi ad litteram 12,1,1: inquirendo, arbitrando, ambigendo de incertis … nos docendos … ostendentes temeritatemque adfirmandi amoventes a lectore). Wenn die Wahrheit nur im Innern des Menschen aufleuchten kann und als nie ganz ergriffene immer neu gesucht werden muss, ist es am wichtigsten, dass der Mensch heute das Fragen nicht aufgibt und wir selber als Fragende ihn zur Gemeinsamkeit des Fragens einladen. Augustins Denken, das die Wahrheit immer wieder fragend umkreist, kann an den Kern heranführen: multipliciter, quantum potui, enucleavi (De Genesi ad litteram 1,20,40). Mich hat angesichts so vieler scharfer Auseinandersetzungen von Exegeten und Theologen immer getröstet, wie viele Interpretationen Augustinus in seiner Erklärung der Schrift, speziell des Schöpfungsberichts (in den Confessiones und in den Büchern de Genesi), erwägt und für möglich hält. So schreibt er im 12. Buch der Confessiones (31,42): „Wenn ich etwas von höchster Gültigkeit schreiben sollte, so wollte ich lieber so schreiben, dass meine Worte widerhallten, was ein jeder an Wahrheit über diese Dinge fassen kann, als dass ich eine einzige wahre Auffassung deswegen deutlicher darlegen möchte, um alle übrigen Auffassungen auszuschließen, die mir nicht durch ihre Falschheit zuwider sind.“

Was immer an Wahrheit in einem Text gefunden werden kann (inveniri potest), konnte der Verfasser in seinen Worten fühlen oder Gott künftigen Lesern offenbaren wollen. Darum ist der Sinn der Heiligen Schrift nie zur Gänze ausgeschöpft, darum ist Fragen und Suchen uns immer neu aufgegeben.

e) Augustinus mag uns zur Wiederentdeckung der Schönheit ermutigen.

Unsere Zeit ist von Gewinnstreben und Nützlichkeitsdenken, allenfalls von der Empörung über Ungerechtigkeit und Gewalt bestimmt. Da scheinen Fragen der Ästhetik als sekundär. Und doch hat Carlo Martini nach langen Beratungen mit seinen Gremien seinen Hirtenbrief zum Beginn des 21. Jahrhunderts unter das Dostojewski-wort gestellt: Welche Schönheit rettet die Welt? Der Mensch verkommt in seinem Wesen, wenn er nur auf Richtigkeiten und Pflichten fixiert ist. Früh erkennt Augustinus „Lieben wir denn anderes als allein das Schöne?“ und frägt: „Was also ist das Schöne? Was ist die Schönheit?“ (Confessiones 4,20: quid est pulchritudo?). Und Augustinus vollzieht dann, wie H. U. von Balthasar bemerkt, nicht eine Wendung vom Ästhetischen zum (Ethischen und) Religiösen, sondern von niederer zu höherer Ästhetik. Gott selbst ist die höchste Schönheit und der Quell aller Schönheit. Sero te amavi, pulchritudo tam antiqua et tam nova (Confessiones 10,38). Spät hat er die Schönheit selbst geliebt, die er in allem Schönen, das sie geschaffen hat, suchte. So ist der Ursprung alles Schönen in der Kunst Gottes zu suchen (Confessiones 4,24: tantae rei cardinem in arte tua). Freilich, die schöpferische Kunst, die ars summa, wirkt auch durch die Künstler, die Schönes hervorbringen. So kann im künstlerischen Wirken das Geheimnis des Schöpferischen erahnt werden. Der Glaube an den Schöpfer ist eng verbunden mit der Wertschätzung der Künste und der Wahrnehmung des Schönen.

f) Die Wahrnehmung des Schönen führt zur Wiederentdeckung von Dank und Lobpreis.

Als ich vor zwei Jahren im Krankenhaus weilte, war ich sehr ergriffen von der Erzäh­lung „Leibhaftig“ der ostdeutschen Schriftstellerin Christa Wolf. Da wird ein Krankenhausaufenthalt geschildert, der an die Grenze zwischen Leben und Tod führt. Als die Patientin sich wieder aufrichten kann und nach verregneten Wochen einen Sonnenuntergang sieht, kann ihr farbentwöhntes Auge des Schauspiel kaum fassen. „Und das alles soll die reine Verschwendung sein, niemanden gezielt zugedacht, von niemanden für niemand inszeniert?“ Thea, die beste von allen Krankenschwestern, glaubt das nie und nimmer. „Sie jedenfalls ist froh, dass sie weiss, wem sie danken kann für einen solchen Sonnenuntergang und für so vieles andere mehr.“

Ja das das zeichnet den Glaubenden aus: wissen, wem man danken kann – und dadurch das Lobwürdige entdecken und ins Wort bringen. Denn Gott hat uns auf ihn hin geschaffen, erweckt uns dazu, dass ihn zu loben uns erfreut (Confessiones 1,1: tu excitas, ut laudare te delectet). Sprache, confessio, ist sicher auch Bekenntnis von Elend und Versagen, von Wissen und Nichtwissen, aber zuerst und zuletzt als Ziel des Seienden dankende Lobpreisung.

 

2. Die Wiedergewinnung des Sinns von Geschichte

Wir haben zwar heute ein weit gestreutes Wissen von der Vergangenheit der Völker, aber kaum noch ein Bewusstsein vom Zusammenhang der Geschichte, in den wir auch die eigene Situation stellen könnten. An unserer Jahrtausendwende ist mir ein Kindheitserlebnis aus dem September 1943 wieder sehr lebendig in Erinnerung gekommen. Wir 12 bis 13-jährigen erwarteten mit Spannung den neuen Klassenlehrer – in der politisch angespannten Situation unseres Gymnasiums. Er begann seinen Geschichtsunterricht mit der Frage: Was Buben, glaubt ihr, ist das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte? Wir tippten auf den Anfang des Mittelalters, des Jahresstoffs, und meinten: die Völkerwanderung. Er lächelte und meinte, die sei nicht so wichtig. Wir gaben noch viele Antworten, auch so zeitgemäße wie: der damals tobende 2. Weltkrieg oder die nationalsozialistische Machtergreifung. Immer wieder erfuhren wir: nicht so wichtig. Schließlich sagte der Professor: Das wichtigste Ereignis ist selbstverständlich das, nach dem wir unsere Jahre zählen. Das war ein Erkennungszeichen, das uns Christen in der Klasse freute, zugleich auch etwas beschämte, weil keiner von uns daran gedacht, geschweige denn es zu sagen gewagt hatte.

Mir ging freilich damals anfanghaft auf, was den Christen im Wirrwarr der Geschichte und der Bewertungen von Geschichte auszeichnet. Er weiß um Ursprung und Ziel der Geschichte und um ihre Mitte, in der dieser Ursprung und dieses Ziel in sie eingetreten ist und sie durchwirkt.

Mit Recht bemerkt Umberto Eco, der große Mediävist und Schriftsteller, trotz seiner erkenntnistheoretischen Skepsis: „Nur wenn man einen Sinn für die Richtung der Geschichte hat … kann man die irdische Wirklichkeit lieben und glauben, dass noch Platz für die Hoffnung ist. Wenn es diese Hoffnung nicht gibt, wäre es gerechtfertigt …., uns vor die Mattscheibe zu setzen und zu warten, dass uns jemand unterhält, während die Dinge laufen, wie sie sind.“

Wir stehen in einer Umbruchzeit. An der Gregoriana in Rom fand heuer ein Kongress statt zum Thema „Die Welt in Evolution“, der die Ideen des fast vor 50 Jahren verstorbenen Teilhard de Chardin aufgriff. Kardinal Poupard, der Präsident des päpstlichen Kulturrates, betonte, dass er gezeigt habe, wie die Welt sich weiterentwickle, „beseelt durch eine innerliche Kraft, die auf ein konkretes Ziel hinläuft“, den Punkt Omega. In einer ebenso gewaltigen Umbruchszeit, dem durch die Vandaleneinfälle drohenden Untergang des (westlichen) römischen Reichs, schrieb Augustinus die Civitas Dei und hat so, nach den Worten von Karl Jaspers „die Frage nach Ursprung und Ziel der Geschichte unentrinnbar gestellt“.

a) Die Überwindung des Gegensatzes von Kollektivismus und Individualismus, einer Antinomie, die das 20. Jahrhundert mit seinen Parolen der Hingabe an das Ganze (eines Volkes, einer Klasse, der Gesellschaft) und der Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung des Einzelnen gekennzeichnet hat, scheint mir die besondere Aufgabe des 21. Jahrhunderts zu sein. Sie gelingt wohl nur von einem sowohl Individuum wie Kollektiv transzendierendem Standpunkt aus, wie ihn der Glaube, wie ihn besonders Augustinus schenkt. Gott sieht, liebt jeden Einzelnen, hört auf seine freie Antwort: Aures dei ad cor tuum (Enarratio in Ps. 148,2) – die Ohren Gottes sind auf das Herz gerichtet, ob es ihm oder dem Bösen Raum gibt. Aber Gott sieht und liebt zugleich alle und zwar nicht nur als Einzelne, sondern als Gesamtheit, als Ganzes, als Universum. Denn Gott ist auch in der Vielheit des Geschaffenen die Einheit wohlgefällig (De civitate dei 12,23: grata … in pluribus unitas…). Darum ist vor Gott die ganze Menschheitsgeschichte wie ein einziges Leben (De vera religione 50: tamquam unius hominis vita est ab Adam usque ad finem huius saeculi), darum gilt seine Sorge dem ganzen Menschengeschlecht (De vera religione 46: universo generi humano tamquam publice consulit), darum wird bei der Auslegung des Schöpfungsberichts auf das valde bona, das „sehr gut“ der Vollendung von allem, Wert gelegt, das dem „gut“ der einzelnen Tage, des Einzelnen folgt (Confessiones 13,43: singula tantum bona erant, simul autem omnia et bona et valde). Die Fülle des Sinns jedes Einzelnen, seine Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung, liegt nicht in ihm selbst, sondern im Ganzen. Den Sinn von allem zusammen freilich kennt nur Gott – totum autem ordinem saeculorum sentire nullus hominum potest (De vera religione 43).

b) Auf die Trinität als Ursprung von Einheit und Vielheit, von Welt

und Person

zielt deshalb schon die große Einheitsphilosophie in De vera religione, deren letztes Kapitel auf den dreifaltig Einen verweist, der uns gründender Ursprung, Einheit formende Urgleichheit, uns der Einheit verbindender Urfriede ist. Dass der eine Ursprung alles Seienden und alles Geschehens zugleich Person ist, zu der menschliche Person in Beziehung steht als Angerufene und darum im Antwortenkönnen ihm Ähnliche, Entsprechende, sucht Augustins großer Versuch über die Trinität zu erhellen. Es ist ja in unserer von Naturwissenschaft wie von religiösen Vorstellungen der Leere geprägten Welt nicht selbstverständlich, von Gott als Person zu sprechen und nicht nur von einem Prinzip, einer Urformel oder einem Nichts an Gegenständlichkeit. Bis weit in den Raum der Kirche hinein steht eine personale Vorstellung von Gott unter dem Verdacht des Anthropomorphismus und fällt das Du- Sagen zu Gott oft sehr schwer. Aber Augustins Ringen um ein Verständnis der Trinität, die sich offenbart in der Heilsgeschichte als dreifaltiges Wirken an uns und die doch von ihm auch in ihrem ewigen Ursprung erahnt werden will, zeigt uns: Der Ursprung des Seienden kann berührt werden in er-innernder Konzentration auf den Menschen, den ausgezeichnet Seienden, auf das, was ihn ausmacht, Selbstbewusstheit und Gewissen, Erkenntnis und Wort, Wollen und Lieben – berührt werden freilich nur im Transzendieren seiner Endlichkeit.

 

c) Es gilt, für die Betrachtung der Geschichte den Himmel wiederzugewinnen, die Welt der Engel.

Vor kurzem erläuterte Professor Klaus Berger seinen Begriff von „postmodern“: „Es gibt mehrere Bereiche der Wirklichkeit. Gewonnen ist damit, dass zum Beispiel Engel real sind und nicht nur Phantasie.“ In der Tat glauben nach den verschiedensten Umfragen mehr Deutsche an Engelwesen als an den christlichen Gott. Was immer sie darunter verstehen mögen, es kann einen Zugang eröffnen zur biblischen Rede von Engeln und ihrem Wirken in der Geschichte, wie es Augustinus sieht (in Confessiones 12, in De Genesi ad litteram, in De civitate dei 11). In der Auslegung des Schöpfungsberichts werden Himmel und Erde auf die selige, geistige Kreatur, nahe bei Gott (prope te) und auf die ungeformte Materie, nahe dem Nichts (prope nihil) gedeutet oder auf die gesamte Kreatur, auch die geistige, in ihrer Möglichkeit, Wandelbarkeit, Formbarkeit. Formung erfährt die geistige Kreatur durch die Erleuchtung, durch das Wort, durch das Gott sie sich zuwendet, in seinem Licht die ihr eigene Gestalt gewinnen lässt. Es ist das Wort fiat lux, das diese conversio und perfectio bezeichnet. Conversio ist also die Bewegung hin zum Ursprung, der Sein und Vollendung schenkt. Diese Bewegung ist Akt der Freiheit des geistigen Wesens – ihr Nichtvollzug, die Verweigerung, der Fall ist das Verbleiben im Eigenen, ist superbia, die sich nicht beschenken, erleuchten, vollenden lassen will. Schöpfung geschieht für Augustin auch in der Erkenntnis durch die Engel, in ihrem Mitvollzug des Schöpfungswortes. So wirken sie auch in die Geschichte der Welt hinein, als bewegende Kraft der Liebe zu Gott, zur Vollendung – oder als Verlockung zur Verweigerung, zur Eigenliebe, zum Nichts dessen, was Fülle und Ziel der Geschichte ist. Geschichte – als Scheidung in die zwei civitates, der Gottes- und der Eigenliebe – ist vorgebildet in den Engeln (praecesserunt in angelis) und verwirklicht sich in der Verbindung von angelischen und menschlichen Gliedern der beiden Reiche (De Genesi ad litteram 11,15,20: coniuncta angelis). Beide sind ja begründet in der einen unwandelbaren Weisheit (De vera religione 110: non enim aliunde sapiens angelus, aliunde homo ….ab una incommutabili sapientia).

 

d) Die Unterscheidung der zwei civitates führt zur konkreten geschichtlichen Entscheidung für eine reale communio, d.h. die Kirche.

So sehr civitas Dei zeitlose Idee ist, ewiger Gedanke Gottes, der die ganze Geschichte der Menschheit prägt und durchdringt, so hat diese Geschichte doch ihre Mitte in Christus und diese Mitte bleibt in der Zeit gegenwärtig in der Gestalt der Kirche, seines Leibes. So prägt die Rückbeziehung auf die Urgemeinde, auf das cor unum et anima una von Apostelgeschichte 4, nicht nur Augustins klösterliche Gemeinschaft, sondern auch das Ideal der folgenden Ordensgründungen. So sehr Augustin als Bischof um die Begrenztheit und Anfälligkeit seiner Gemeinde weiß und so sehr er immer wieder betont, wie wenig wir beurteilen können, wer wirklich innerhalb oder außerhalb dieser Gemeinschaft sich befindet, so wichtig ist ihm doch die geschichtliche Entscheidung für und die Bindung an den Leib Christi. Grundlage für diese Entscheidung ist immer wieder der Blick auf das Ganze, auch auf die Schönheit der umfassenden Einheit der Kirche. Die Entscheidung freilich kann nur durchgetragen werden im hoffenden Blick auf die Vollendung, des endgültigen siebten Tages.

e) Aufgegeben ist unserer Zeit auch die Versöhnung von Wahrheit

und Freiheit.

Das betonte Ernst Wolfgang Böckenförde, der diesjährige Preisträger der Katholischen Akademie, in Bayern in seiner Rede „Wahrheit und Freiheit. Zur Weltverantwortung der Kirche heute“. Er meinte, die Erklärung des 2. Vatikanums über die Religionsfreiheit habe (nach leidvollen Irrwegen) „die tragfähige und gültige Versöhnung von Wahrheit und Freiheit gebracht“. Absolute Wahrheit und radikale Freiheit widersprechen sich nicht. Der christliche Glaube beziehe die religiöse Freiheit jedes Menschen, auch derjenigen, die einen anderen oder keinen Glauben haben, in seinen Glauben mit ein. Die Freiheit aber setze Überzeugung von dem, was richtig ist, was zum Menschenwesen gehört, voraus. So wird der Wahrheitsanspruch nicht relativiert, der missionarische Weltauftrag der Kirche sogar verstärkt, der sich an die Freiheit des anderen wendet. Er kann freilich nur durch die innere Identifikation mit der erkannten Wahrheit, durch die Freude an ihr überzeugen. Hier kann gerade der Ernst von Augustins Suche nach der Wahrheit und seine Überzeugung von der dialogischen Verfasstheit der Wirklichkeit, vom Anruf Gottes und der freien Antwort des Menschen hilfreich sein (Enarratio in Ps. 4,2: cordi habere infusum deum, cum quo intrinsecus colloquatur).

 

Gerade an Augustin wird freilich deutlich, wie die höchste Wahrheit nie in Gänze und Klarheit ergriffen, geschweige denn im endlichen Wort ausgesagt werden kann, wie immer wieder Gegensätzliches sich auftut im Erkennen und im Tun. Gegenüber den Angriffen der Donatisten meint der spätere Augustinus, doch die staatliche Gewalt anrufen zu müssen, gegenüber der Selbstsicherheit des Pelagius meint der späte Augustinus, die Wahrheit der allumfassenden Gnade betonen zu müssen.

Der eingangs erwähnte Odilo Rottmanner hat 1892 eine vielbeachtete Studie „Der Augustinismus“ veröffentlicht, in der er die Lehre von der unbedingten Prädestination und vom partikularen Heilswillen als Position des späten Augustinus (etwa 417) herausstellte und alle Harmonisierungsversuche mit seinen früheren Auffassungen abwies. Die Überzeugung, dass Gottes allmächtiger Wille nicht vom menschlichen Willen abhängig sein könne, hat ihn zu seiner strengen Prädestinationstheorie geführt. Freilich unterschied er zwischen Theorie und Praxis. Gott gibt uns die Gnade, zu wollen, dass alle gerettet werden. Da wir nicht wissen können, wer zur Zahl der Prädestinierten gehört, müssen wir von der Liebe erfüllt sein, zu wollen, dass alle das Heil erlangen: affici debemus caritatis affectu, ut omnes velimus salvos fieri (De correptione et gratia 46).

f) Der späte Augustinus der Retractationes zeigt die Notwendigkeit ständiger Korrektur in unserem Streben nach der umfassenden Wahrheit.

Gerade wenn wir die Widersprüche auch in seinem Werk sehen und manches Belastende seines Erbes (etwa seiner Sicht von Sexualität und Ehe, Erbsünde und Prädestination) erkennen und dabei nicht unbedingt dem späten Augustinus dem Vorzug geben wollen, ist es doch tröstlich, dass der wirkmächtigste Kirchenlehrer durchaus nicht in allen Anschauungen die Lehre der Kirche bestimmt hat und selber um die Notwendigkeit einer Rücknahme von Behauptungen und einer Korrektur gewusst hat. Nicht zuletzt Papst Johannes Paul II. ist ja ein Beispiel einer wachen Bereitschaft, Fehlentwicklungen in Theorie und Praxis der Kirche zu bekennen und auch um Vergebung zu bitten. Die Suche nach Wahrheit bedarf immer wieder der Äußerung, aber auch des weiteren Voranschreitens im Sinne Augustins: qui proficiendo scribunt et scribendo proficiunt (Epistula 143,2). Das Voranschreiten bedarf freilich immer wieder der Vergewisserung der Anfänge, des Ursprungs.

3. Exkurs: Sucht und Sehnsucht unserer Zeit

Neben bestimmten Fachmessen haben auf dem Münchner Messemarkt folgende Themen am meisten Zulauf: Wellness, Fitness, Esoterik und Erotik. Im Grunde verbergen sich in diesen Begriffen Ursehnsüchte des Menschen, die gerade bei Augustinus auf Gott selber zielen.

 

a) Wellness meint, dass der Mensch sich ganz wohlfühlen kann. Es ist die vita beata, es sind die Makarismen, die Seligpreisungen, das „Wohl euch“ der Bergpredigt. Nonne ipsa est beata vita, quam omnes volunt et omnino qui nolit nemo est? (Confessiones 10,29). Das Konsumgut wellness verspricht die Befriedigung einer Sehnsucht, die durch sie nicht befriedigt werden kann und nur allzu leicht die Sucht nach immer neuer Befriedigung hervorruft, wie es Augustinus eindrücklich beschrieben hat.

 

b) Fitness meint Tauglichkeit, Tüchtigkeit, Tugend. Sie setzt beim Menschen selbst an. Augustinus hat den Wert des tugendhaften Lebens klar erkannt, zugleich aber die Gefahr, dass in der Leistungsgesellschaft der Mensch sich aus eigener Kraft ertüchtigen will und sich dadurch dem verschließt, was ihm nur geschenkt werden kann, nicht mehr offen ist für die gratia.

 

c) Esoterik entspricht dem Bedürfnis des Menschen nach Innerlichkeit, seelischer Erweiterung, nach Ekstase. Augustins in „interiore homine habitat veritas“ weist den Weg zu einer Mystik, die dem vernünftigen Erkennen nicht widerspricht, wenngleich übersteigt, und die nicht im Leeren verbleibt, sondern sich im Personkern angerufen erfährt und Du sagend antworten darf. Percussisti cor meum verbo tuo et amavi te (Confessiones 10,8).

 

d) Erotik drückt das Verlangen des Menschen nach Faszination aus und nach Bejahtwerden, nach Befreiung aus der Isolation und nach Vereinigung. Augustin beschreibt wie kein anderer die Schwerkraft der Liebe: Pondus meum amor meus; eo feror, quocumque feror (Confessiones 13,10). Die Liebe zieht uns. Aber die Geschichte ist gezeichnet von der doppelten Liebe: amor saeculi, amor sui – Liebe des Vergänglichen, Liebe des Eigenen, das in sich verbleiben will und doch nicht bleiben kann: – amor Dei – Gottesliebe, die auf die vollendete Gemeinschaft in ihm zielt. Unterscheidung und Entscheidung sind in unserer Zeit der Beliebigkeit mehr als je gefordert. Augustinus civitates-Lehre kann uns Wegweisung geben.

Schluss:

Lassen Sie mich mit einer Anekdote nochmals aus St. Bonifaz schließen: ein anderer Mitbruder, Wunibald Rötzer, hat schon in vorgerückten Jahren 1930 über „Augustinus als liturgiegeschichtliche Quelle“ eine Dissertation geschrieben. Abt Hugo Lang erzählte, er habe den durchaus originellen Mitbruder dabei etwas unterstützt, aber es sei offensichtlich, dass die Arbeit hauptsächlich Begriffe behandelt habe, die im damaligen Thesaurus Linguae Latinae bereits verzeichnet waren. Dies als Ermutigung an P. Cornelius Petrus Mayer, im Interesse künftiger Dissertationen das Augustinus Lexikon möglichst rasch zu vollenden. Josef Bernhart hat einmal von Augustinus geschrieben: „ Er wird uns ferner erregen und stillen, befremden und erobern durch sein Zeugnis von dem furchtbaren Ernst der Dinge, die wir nicht wissen. Denn er ist ein Unerschöpflicher wie wenige unseres Geschlechts.“ Augustinus – ein Unerschöpflicher. Ein wenig gilt von ihm, was er selbst von Christus schreibt: „Nicht so wollen wir voranschreiten, dass wir aus Neuen Alte werden, vielmehr die Neuheit selber soll wachsen – ipsa novitas crescat (Enarratio in Ps. 131,1). Das ist ja das Geheimnis, warum bei allem Fortschritt in Wissenschaft und Technik die Botschaft des Evangeliums nicht veraltet, aktuell und zukunftsweisend bleibt. Das Geheimnis Jesu, des Menschen, in dem die Unendlichkeit Gottes uns begegnet, ist unerschöpflich, wird vom Suchen der Menschen, von ihren verschiedenen Kulturen und Zeiten immer wieder in neuen Aspekten erahnt und dargestellt werden können. Dass seine Neuheit in uns wächst, macht den wahren Fortschritt aus.

So dürfen wir hoffen, dass auch von Augustinus, der von dieser Neuheit fasziniert war und Kunde gab, uns immer wieder Neues aufleuchtet auf dem Weg durch die Zeit. Darum dürfen wir dem Zentrum für Augustinusforschung so dankbar sein, dass es dazu auf vielfältige Weise beiträgt. Darum auch herzlichen Dank an alle, die es unterstützen und fördern.