Jahresvollversammlung 2005 Festvortrag von Volker Henning DrecollDie Bedeutung der Gnadenlehre Augustins für die GegenwartTolle, lege. Nimm und lies. Augustin unter dem Feigenbaum, inmitten eines Gartens, einen Codex in der Hand. Den Blick in das Buch vertieft, in anderen Darstellungen auch leicht nach oben gewandt. Licht von oben. Eine Offenbarung. In manchen Darstellungen werden auf dem Lichtstrahl die Buchstaben sichtbar: tolle, lege. Nimm und lies. Darstellungen wie diese lassen sich massenweise finden, von Darstellungen aus dem 15. Jh. wie der duch Gozzoli aus S. Gimignano bis zu einer großen Zahl von Darstellungen im 18. Jh. Die berühmte Gartenszene - ein Inbegriff der augustinischen Gnadenlehre? So, wie die Bilder gerade aus dem 17. und 18. Jh. die Szene darstellen, hat sie sich eingebrannt. Ein punktuelles Ereignis im Leben Augustins, insgesamt nur wenige Stunden umfassend. Eine Bekehrung, ein Erlebnis, das Augustins Leben umgekrämpelt hat. Ich stelle immer wieder fest: Menschen, die Augustins Confessiones niemals in der Hand gehabt haben, kennen doch diese Szene. Und verstehen sie daher gründlich falsch. Was sie vor Augen haben, entspricht einer bestimmten Stilisierung von Bekehrung. Und es widerspricht Augustins Gnadenlehre. Die These meines Vortrags ist nun: schaut man auf die Differenzen, die sich da auftun, zwischen dem, was Augustin wirklich in den Confessiones geschrieben hat, und dem, was sich in diesen späten Stilisierungen niederschlägt, nähert man sich Kernpunkten der augustinischen Gnadenlehre, anhand derer sich überlegen läßt, inwiefern sie für uns heute relevant sein könnte. In einem ersten, etwas längeren Hauptteil greife ich fünf Punkte heraus, an denen sich die Darstellung der Confessiones von späteren Stilisierungen unterscheidet. In einem zweiten, etwas kürzeren Hauptteil reflektiere ich dann diese Aspekte der Gnadenlehre Augustins auf ihre mögliche Bedeutung für uns heute hin. Erster Hauptteil: Die Gnadenlehre in der Gartenszene der Confessiones Das Geschehen, das Augustin in der Gartenszene beschreibt, ist kein übernatürliches Geschehen, Augustin erlebt es nicht allein, es bringt ihm keine neue inhaltliche Erkenntnis, es trifft ihn nicht unvorbereitet und der Bericht von der Gartenszene ist nicht in erster Linie autobiographischer Natur. 1. kein übernatürliches Geschehen. Nüchtern betrachtet, berichtet Augustin nichts Übernatürliches, nichts, woran der Historiker zweifeln müßte. Augustin befindet sich unter einem Feigenbaum hingekauert, weinend. Er hört eine Stimme aus dem Nachbarhaus, und zwar einen immer wieder wiederholten Sprechgesang - wie von einem Jungen oder Mädchen. Auch das ist an sich nichts Übernatürliches: Man hört schon einmal Stimmen aus dem Nachbarhaus. Ein Kinderreim scheint es zu sein, immer wieder wiederholt: tolle, lege. Allerdings fällt dieser Kinderreim auf. Augustin fängt an, nachzudenken. Gedanklich geht er alle Kinderreime durch, die er kennt. Als Vater eines mittlerweile schon jugendlichen Sohnes erinnert er sich, ob er so einen Kinderreim schon einmal gehört hat. Das Ergebnis ist negativ. Deswegen interpretiert er den Reim tolle, lege als eine Aufforderung, die von Gott her an ihn ergeht. Ihm fällt dann Antonius ein, der ein zufällig gehörtes Bibelwort auf sich bezogen hatte, und entsprechend sich zu einem Leben in Askese und als Eremit bekehrt hatte. Ganz analog bezieht er jetzt den Reim tolle, lege auf sich, geht zurück ztu Alypius, schlägt den Pauluskodex auf, quasi wie ein "Buchorakel". Die zuerst, zufällig gefundenen Stelle verleiht ihm die Sicherheit, die er brauchte, um auch sich selbst zum asketischen Leben zu entschließen. Der Bibelvers entstammt dem Römerbrief und lautet: nicht in Gelagen und Besäufnissen, nicht in Bettlagern und Unziemlichkeiten, nicht in Kampf und Eifer, sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und betreibt nicht die Fürsorge für das Fleisch in Begierden. Rm 13,13-14. Eine Stelle, die sonst bei Augustin nicht gerade eine große Rolle spielt. Wie gesagt, nüchtern betrachtet, ist das alles nicht in dem Sinne auffällig, daß es übernatürlich wäre. Kein Licht fällt vom Himmel, kein Engel erscheint. Ja, die entscheidende Stimme kommt nicht strahlenartig aus einer Gloriole, sondern schlichtweg aus dem Nachbarhaus. Die Art und Weise, wie die Szene erzählt wird, ist natürlich hochstilisiert. Der Garten - Symbol für den von der Welt abgeschiedenen Ort, in dem sich der Mensch ganz der Muße und der Philosophie hingeben kann, ein locus amoenus. Natürlich, der Gegensatz zwischen Weinen, zerknirschtem, Herzen, wie es heißt, und dem aufmerksamen Nachdenken: kenne ich diesen Reim von irgendwoher? Natürlich die Parallele zwischen Antonius, dem Vater des östlichen Mönchtuns könnte man sagen, und ihm Augustin. Alles das fügt sich zu einem kunstvoll gestalteten Bild zusammen - aber doch nicht so, daß man von vornherein die Szene für unwirklich halten müßte oder für ein supranaturales Wunder. Die Kategorien von Raum und Zeit sind nicht außer Kraft gesetzt. Wollte man diese Szene verfilmen, bräuchte es keine Trickanimation, keine himmlische Musik. Nur nüchterne Realität. Natürlich hat es nicht an Versuchen gefehlt, diese Szene anders zu lesen. Der älteste Versuch entstammt bereits einer der ältesten Augustinhandschriften, die wir überhaupt haben, dem Sessorianus 55 aus dem 6. Jh. Diese Handschrift bietet die besondere Lesart: de diuina domo: aus dem göttlichen Haus - statt de uicina domo, wie die anderen Handschriften übereinstimmend bezeugen. Dies hatte der berühmte französische Confessiones-Forscher Pierre Courcelle aufgegriffen und postuliert: Augustin erzähle hier doch von einem Wunder, von etwas, was nicht real in Ort und Zeit geschehen ist, sondern erzähle quasi "allegorisch". Ich halte diese Interpretation für falsch (wie inzwischen die meisten Augustinforscher), und zwar nicht nur, weil die ganz überwiegende Mehrzahl der Handschriften anders liest. Sondern weil es auch einem Grundduktus der Gnadenlehre Augustins widerspräche. Um erzählen zu können, wie Gnade im Leben eines einzelnen funktioniert, braucht es keine supranaturalen Ereignisse. Nur das ganz normale Leben in Raum und Zeit. Das ist der Grund dafür, daß es in dem Bericht an Hinweisen wimmelt, die gerade zeigen wollen, wie nachvollziehbar, wie - wir würden sagen - historisch das Erzählte wirklich war. 2. nicht allein. Für das Historische braucht es Zeugen. Behauptungen über die eigene Vergangenheit werden dann besonders plausibel, wenn man sagen kann: Fragen Sie mal Herrn SoundSo oder Frau SoundSo. Vorausgesetzt natürlich, die bestätigen das dann auch so. Augustin verweist in seinem Bericht über die Gartenszene auf Alypius, seinen Bischofskollegen und Vertrauten, den er auch mehrfach mit diplomatischen Missionen u.a. nach Italien beauftragt hat. Schauen wir uns an, wie sich die Gartenszene aus der Perspektive des Alypius darstellt. Er trifft Augustin in einem Zustand tiefer Aufgewühltheit, tränenüberströmt. Beide gehen in den Garten. Sie setzen sich hin, einen Bibelcodex in der Hand. Augustin wird übermannt von seinem Schmerz, er steht auf und entfernt sich einige Schritte. Dann kommt er zurück, nimmt den Bibelcodex, schlägt ihn auf und zeigt die Stelle stumm. Alypius schaut, auf welche Stelle Augustin zeigt. Er liest: Den Schwachen aber nehmt auf im Glauben. Es ist Röm 14,1, der unmittelbar auf Rm 13,13-14 folgende Vers. Beide sind sich instinktiv einig, ohne daß es großer Worte bedarf. Sie gehen ins Haus und erzählen das Erlebte Augustins Mutter, der Monnica. Eine weitere Zeugin, wenn auch nur eine indirekte. Und eine, die man zum Zeitpunkt der Confessiones nicht mehr fragen kann, weil sie auf Augustins Rückreise nach Afrika in Ostia verstorben war. Aber trotzdem. Das Geschehen wird erzählt, mitgeteilt. Spätestens hier wird sich aufgeklärt haben, daß Augustin und Alypius zwei verschiedene Bibelverse gelesen und auf sich bezogen haben. Spätestens hier dürfte Alypius von dem tolle, lege erfahren haben. Augustin ist nicht allein, fast nicht. Natürlich, während er die Stimme tolle, lege hört, ist er einige Meter von Alypius weggegangen. Aber dieser teilt den Nachmittag mit ihm. Sie reden vorher und nachher miteinander, über Augustins Gefühle und das, was sie beide erlebt haben. Die ersten Leser der Confessiones konnten Alypius fragen. Er konnte bestätigen, was Augustin in den Confessiones geschrieben hat - und er hat es zumindest nicht dementiert. Auch nach dem Erscheinen der Confessiones ist er einer derer, auf die sich Augustin 100%-ig verlassen kann. Daß dies so ist, daß Augustin auch in der Gartenszene nicht allein und einsam ist, das ist kein Zufall. Denn auch vorher schon ist das inhaltliche Ringen Augustins immer begleitet von Gesprächen. Augustin hat sich nicht zurückgezogen und einsam im stillen Kämmerchen vor sich hin gebrütet. Er hat einen Kreis engster Freunde um sich gesammelt. Und er hat seine Gefühle offengelegt. Sein Gefühl innerer Zerrissenheit, seine Selbstzweifel, seine Schuldgefühle und seine Angst. Und er hat mit Besuchern über Dinge des Glaubens gesprochen. Mit dem hohen kaiserlichen Beamten Pontician, der ihm von Antonius erzählt und wie das Vorbild des Antonius immer wieder Leute in beruflich erfolgreicher Stellung umgedreht hat, bekehrt hat zu einem asketischen Leben. Er hat selbst Besuche gemacht, etwa bei dem in der Kirche hoch angesehenen Simplician, der nach Ambrosius' Tod dessen Nachfolger auf dem Bischofstrhon von Mailand werden sollte und der ihm von dem hoch angesehenen Rhetor Marius Victorinus und dessen Hinwendung zum Christentum erzählte. Augustin war beides, in hohem Staatsdienst und angesehener Rhetor. Mindestens so etwas wie ein Staatssekretär. Kein romantisch veranlagter einsamer Sucher, sondern ein Mann auf der Höhe seines beruflichen Erfolgs - und doch innerlich durstig. Er war einer mit einem funktionierenden sozialen Umfeld - und dieses trägt letztlich entscheidend dazu bei, daß es kommt, wie es kommt, und Augustin seinen Beruf aufgibt und einen neuen Lebenstypus wählt. Für die Gnadenlehre Augustins ist dies ein wichtiger, nicht zu gering zu veranschlagender Grundzug: Der Mensch kann nicht isoliert für sich betrachtet werden, sondern er steht in einem vielfältigen Beziehungsgeflecht - und der Weg zum Glauben ist nicht ein Weg an diesem Beziehungsgeflecht vorbei, sondern geschieht gerade in ihm. Also, im Hintergrund wäre zumindest Alypius darzustellen (und tatsächlich ist auf der Darstellung von Gozzoli - im Unterschied zu vielen späteren Darstellungen - Augustin nicht allein), im Haus noch Monnica. Den Bibelcodex hat Augustin nicht unter seinen Arm geklemmt, er liegt bei Alypius und zu ihm läuft Augustin, als er das tolle lege gehört hat. 3. keine neue inhaltliche Erkenntnis. Das Wesentliche, was in der Gartenszene geschieht, ist keine neue Erkenntnis. Keine Offenbarung in dem Sinne, daß ihm plötzlich Grundsachverhalte des christlichen Glaubens klar geworden wären. Weit gefehlt. Die entscheidenden Erkenntnisse hatte Augustin längst hinter sich. Schon vorher hat er die richtungsweisenden Entscheidungen in seinem Denken getroffen. Die wichtigste: Gott ist nicht materiell. Die Seele auch nicht. Beide gehören zum Bereich des Geistigen, und dieser Bereich ist nicht vergleichbar mit dem, was sich in der Welt erstreckt, ausdehnt, mit Raum und Zeit. Vielmehr ist Gott als etwas zu denken, was überall präsent ist - aber nicht räumlich, sondern im Sinne einer geistigen Präsenz. Diese Form geistiger Präsenz und Wirklichkeit ist trotzdem nicht weniger real. Und sie ist nicht beziehungslos zu allem Materiellen, im Gegenteil, eigentlich steuert sie das, was in Raum und Zeit geschieht. Und im Miniaturformat wiederholt sich dies im Menschen. Im Menschen gibt es auch etwas Geistiges, etwas, was nicht einfach körperlich erfaßbar ist. Und das doch den Menschen steuert. Seine Seele. Über den Begriff der Seele bei Augustin wäre viel zu sagen. Gedanken über die Frage, wann der Mensch seine Seele bekommt, und wie sie beschaffen ist, alles das wäre hier zu explizieren. Ich konzentriere mich auf nur einen Punkt. Augustin greift medizinische Konzepte auf, denen zufolge die Seele eine Art inneres Entwicklungsprinzip im Menschen ist, etwas, das nicht einfach nur als metaphysischer Punkt zu denken ist, ein für allemal festliegend, sondern als etwas, das quasi formgebend, strukturierend und gestaltend die Veränderungen im Leben eines einzelnen steuert. Und die Seele steht ihrerseits unter dem Einfluß Gottes, der die Struktur und Form der Welt bestimmt. Gott wird so zu einem alles bestimmenden Zentrum, ausgehend von innerlich-Geistigen und dann Ring um Ring nach außen vordringend bis hin die letzten Verästelungen dieser Welt in Raum und Zeit. Und dort, wo der Mensch sich quer stellt hierzu, wo er versucht, diese Ordnung zu stören, umzudrehen, dort entsteht das Böse, das Unstrukturierte und Desaströse, das selbst ohne Substanz und Dauer bleibt. Wie gesagt, alles das war Augustin schon vor Beginn der Gartenszene klar. Gedanken, zu denen Augustin gekommen war in gründlicher Rezeption von Ambrosius, Schriftlektüre und der Lektüre der neuplatonischen Bücher, worunter meiner Meinung nach in erster Linie Plotin zu verstehen ist. Ambrosius und Plotin - in dieser Reihenfolge ! - waren der Katalysator für das neue Denken, das Augustin in Mailand konzipiert hat. Vor der Gartenszene. Denn die Botschaft der Confessiones ist an dieser Stelle eindeutig: Erkenntnis allein hilft nicht Erkenntnis allein kann den Menschen zurücklassen in einer desolaten Lage, einer Lage der Verzweiflung und Ungewißheit. Gegenstand der Ungewißheit ist der Lebenstypus, den Augustin künftig wählen möchte. Würde er konsequent seinem Gedankenmodell folgen, müßte er alles hintanstellen, was der Beschäftigung der Seele mit Gott und der Gesamtkontemplation der von Gott gesteuerten Ordnung und Geschichte entgegenstünde - aufgeben müßte er den Beruf in Regierungskreisen, die Ehepläne, Beruf und Sexualität. Aber die Erkenntnis hilft ihm dabei nicht. Er bleibt hin- und hergerissen. Natürlich hat er nicht nur Freunde, die ihm zur Askese raten, sondern auch solche in seinem Beruf, die ihn auch morgen gerne als Kollegen hätten. Er nimmt Rücksichten auf andere, die ihn brauchen. Aber er fühlt einen immer stärkeren Widerspruch zwischen dem, was er für sich als richtig erkannt hat, und dem, was er umsetzen kann. Er fühlt sich aber nicht in der Lage, das Erkannte auch umzusetzen. Das ist der entscheidende Fortschritt der Gartenszene. Keine neue Offenbarung. Sondern ein Gefühl plötzlicher Sicherheit. Er schreibt, es sei gewesen, als sei quasi ein Licht der Sicherheit seinem Herzen eingegossen worden - und alle Finsternis des Zweifels war verflogen. Auch dies ein Spezifikum der Gnadenlehre Augustins, das er - gerade im Gegenüber zu Pelagius - immer wieder entwickelt und vertieft hat. Die richtige Erkenntnis des christlichen Glaubens ist nicht ausreichend. Glaube ist eben nicht nur eine Art "Sich-Orientieren", eben nicht nur Befolgen eines großen Vorbilds, so faszinierend dies sein mag. Glaube ist ein Geschehen, das in die tiefsten Schichten der Seele eingreift und hier zu Sicherheit führt, die das Leben gestaltet - gegen alle verbleibenden Widerstände, die es auch gibt. Die Bildunterschriften aus dem 18. Jh. sprechen oft von "Offenbarung" oder "Revelation", aber besser und richtiger wäre: lux securitatis: Licht der Sicherheit. 4. nicht unvorbereitet. Die Gartenszene, so viel dürfte schon deutlich geworden sein, kommt nicht aus dem Nichts. Augustin sitzt nicht einfach unter dem Feigenbaum und wird durch die Offenbarung völlig verändert. Im Gegenteil: die Gartenszene ist nur ein, freilich wichtiges Puzzlestück in einem großen Ganzen. Ein Schritt auf einem Weg, der von der ersten Stunde des Lebens bis zur Gegenwart andauert. Und noch darüberhinaus in die Zukunft bis zum Tod führen wird. Ein Weg, der das ganze Leben umfaßt. Die Confessiones stellen diesen Weg bis zur Gegenwart dar. Dieser Weg ist ein Weg, auf dem Augustin geführt wird. Augustin verwendet hierzu besonders oft das biblische Bild von der Hand Gottes, die ihn geführt hat. Psalmensprache. Von den ersten Stunden an führt ihn Gottes Hand. Zu dem Weg gehören auch die Irrtümer, etwa der Manichäismus. Auch er gehört zu dem Weg zur Taufe im Jahr 387. Genauso wie die Skepsis, die eine feste Erkenntnis überhaupt bestritt. Oder die stoische Vorstellung von Gott als einer Art besonderem Element, einer Art Feuergeist. Alle diese Vorstellungen lehnte Augustin später ab, er verkennt jedoch nicht, daß er nur der geworden ist, der er nun, zur Abfassungszeit der Confessiones ist, weil er eben durch diese Irrtümer hindurchgegangen ist. Die Art und Weise, wie Augustin seine eigene Vergangenheit betrachtet, ist als schonungslos offen bezeichnet worden. Und in der Tat findet sich vieles, was Augustin offen und unumwunden negativ darstellt, gerade im Rückblick auf seine Vergangenheit. Aber es geht ihm dabei nicht um eine massive Selbstbezichtigung und eine gründlichst-ausführliche Reue udn Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Ich bitte sie: ein Birnendiebstahl scheint das größte Vergehen zu sein, dessen sich der junge Augustin zu schämen hat. Mehr war nicht? Und natürlich gibt es Untersuchungen dazu, daß Birnen nun gerade ein ziemlich wertloses Obst waren. Viel lieber hätte man stattdessen etwas erfahren über exzessive Ausschweifungen des jungen Studenten in Karthago, die im Grunde nur beiläufig und am Rande erwähnt werden. Hier greift natürlich auch die Selbststilisierung des schreibenden Bischofs ein. Aber vor allem zeigt dies, daß es Augustin eben nicht um Vergangenheitsbewältigung geht, sondern um die exemplarische Darstellung der Grundeinsicht: Gott macht auch aus Schlechtem Gutes. Selbst beim Birnendiebstahl, so bedeutungslos er an sich gewesen sein mag, wird deutlich: Augustin untersucht exemplarisch die Auswirkungen dieser Tat auf seine eigene Seele. Ergebnis: auch das gehört zu dem langen Weg zur Taufe 387. Die Fehler werden von Gott in Dienst genommen, sie gehören mit zu dem Weg - und sind insofern nicht vergebens. Auch sie bereiten die Gartenszene vor. Zugleich gilt: mit der Gartenszene ist nicht einfach alles geklärt. So, als wäre ab dann alle Problematik aus dem Leben Augustins verbannt. Als würde er ab diesem Zeitpunkt fehlerfrei und schuldlos dastehen. Im Gegenteil: auch nach der Gartenszene kämpft Augustin mit dem in seiner Seele, was sich dem Entschluß zum neuen Lebenstypus widersetzt. Die Gedanken und Sehnsüchte nach geschlechtlicher Gemeinschaft hören nicht einfach von einem Tag zum anderen auf, sie erhalten nur eine neue Funktion - und können letztlich dem von Augustin eingeschlagenen Weg nichts mehr anhaben. Aber sie sind noch da. Die concupiscentia bleibt. Augustin entwickelt diesen Gedanken einer Verschränktheit von "schon erlöst" und "noch nicht ganz befreit" sehr intensiv. Dazu dient ihm die memoria-Lehre, aber der Gedanke taucht auch im Zusammenhang mit Paulus immer wieder auf. Nicht das Gute, was ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich (Röm 7). Das ist nicht nur auf den unerlösten Menschen zu beziehen, der schon Gott erkannt hat, aber noch nicht vermag, entsprechend zu leben. Sondern das bezieht sich gerade auch auf den schon Erlösten, den Getauften, der jeden Tag neu bitten muß: und vergib uns unsere Schuld. Die Gartenszene ist nicht unvorbereitet, sie trifft nicht einfach senkrecht von oben auf einen Ahnungslosen, sondern sie ist integriert in diese umfassende Vorstellung, daß Gott jeden Moment des eigenen Lebens, und gerade auch des Seelenlebens, sei er noch so alltäglich oder normal, zu nutzen weiß für den Weg, den das gnädige Handeln Gottes mit dem jeweiligen Menschen vorhat. 5. nicht in erster Linie autobiographisch. Wenn man sich auf diese Weise die Gartenszene vergegenwärtigt, wird schnell klar: Hier geht es nicht um eine Autobiographie im klassischen Sinne. Hier soll nicht dargestellt werden, wie es wirklich war. Vielmehr entwickelt Augustin anhand eines Exempels, nämlich anhand von sich selbst, ein Modell, entwirft einen Typus, und natürlich einen, der vorbildlich sein soll - und nicht angreifbar. Werbung und Abwehr gehen in den Confessiones Hand in Hand. Werbung, das befürwortende Darstellen eines richtigen Lebenskonzepts, des kirchlich-christlichen Lebenskonzepts. Das ist eine Hauptintention der Confessiones, die der verstorbene Confessiones-Forscher und Mitherausgeber der Augustinus-Lexikons Erich Feldmann mit dem Begriff des "Protreptikos" verbunden hat. Eine Werbeschrift für das Christentum, genauer: für einen bestimmten Lebenstypus, der mit der inhaltlichen Einsicht in die Geistigkeit Gottes und der Seele und ihre steuernde Funktion zusammenhängt. Was Augustin anhand seiner Person entwickelt, gilt für alle Menschen, zeigt, wie Gnade funktioniert: nämlich nicht als singulärer Einbruch in ein ansonsten unberührtes Leben, sondern als stetige Begleitung und Steuerung des Lebens, eine Steuerung, die alle Normalitäten, den gesamten Alltag, alle Fehler und alle psychischen Entwicklungen mit umfaßt. Das zeigt, daß Gnade den Menschen nicht in einem luftleeren Raum vor eine abstrakte Entscheidung stellt: willst du oder willst du nicht? Und der Mensch muß dann auch nicht auf den Ruf in die Entscheidung antworten, mit einem bewußten und frei getroffenen Statement. Ja, ich will. Mit Augustin könnte man viel eher sagen: der Mensch hat die Möglichkeiten zu entscheiden. Er kann etwas wollen und etwas anderes nicht wollen. Aber wenn diese Entscheidungen, die der Mensch aus seiner Handlungskompetenz und in dem Gefühl freier Entscheidung trifft, wenn diese Entscheidungen zu dem Entschluß kommen: ja, ich will glauben und getauft werden und mich an den demütigen Christus halten, dann ist dies das Ergebnis gerade dieses umfassenden Gnadenhandelns im gesamten Leben des betroffenen Menschen. Diesen Charakter von Gnade als einem lebensgeschichtlichen Gesamtereignis befürwortet Augustin mit den Confessiones. Und dazu gehört der Bericht über die Zeit als Manichäer ebenso wie die Gartenszene und die Reflexion über die memoria oder die Auslegung der Schöpfungsgeschichte nach Gen. 1 in den Büchern 11-13. Zu dieser Befürwortung tritt Abwehr. Als ich vor 7-8 Jahren an meiner Habilitationsschrift saß und dabei zu dem Eindruck gelangte, eine Intention der Confessiones sei gerade Abwehr gegen Angriffe und Verdächtigungen, traf ich mit dieser Idee nicht gerade häufig auf Gegenliebe. Um so mehr freut mich, daß diese Idee inzwischen in der Literatur öfters anzutreffen ist, auch bei Leuten, die mein Buch offensichtlich gar nicht gelesen haben. Ich würde sagen, das spricht eher für die These. Vielleicht ist doch etwas dran. Fest steht, Augustin hat sich unmittelbar zur Abfassungszeit der Confessiones verteidigen müssen. Es hatte Widerstand gegen seine Wahl zum Bischof gegeben, und diese Wahl hatte darauf verwiesen, daß derselbe Augustin noch vor wenigen Jahren als Manichäer Karriere gemacht hatte. Bitte stellen sie sich vor, was passieren würde, wenn heute jemand Bischof werden sollte, der noch vor wenigen Jahr - sagen wir einmal: - Scientologe oder so etwas war. Die Bischofswahl Augustins war also außergewöhnlich heikel. Und Augustin setzt sich hin und schreibt die Confessiones. Gegen solche Kritik und die damit verbundenen Vorwürfe sind die Confessiones eine kaum überbietbare Verteidigungsstrategie: Sie gestehen alle Fehler ein - und relativieren sie dadurch, eben weil sie in das große Ganze eingeordnet werden: Augustins Leben als Gegenstand der Gnade. Augustin gibt am Anfang von Buch 10 deutlich zu erkennen, daß es Leute gibt, die ihm skeptisch gegenüberstehen, die von ihm verlangen, genauer zu erklären, wie er zu seiner Vergangenheit steht. Und Augustin erklärt, wie er zu seiner Vergangenheit steht: er sieht sie als langen, von Gott geführten Weg. Aber gleichzeitig bestreitet Augustin seinen Kritikern, daß sie die Richtigkeit des von ihm Berichteten bestreiten können. Was er innerlich denkt, was sein Seelenleben angeht, sieht nur Gott wirklich hinein. Und nur er weiß, ob stimmt, was Augustin hier erzählt - oder nicht. Eine höherwertigere Instanz kann man nicht auf den Plan rufen. Gleichzeitig aber steht fest: die Gnadenlehre betrifft gerade diesen innersten Bereich des Seelenlebens, diesen Bereich, in den kein zweiter Mensch hineinschauen kann, wo nur der einzelne und Gott wissen, was war und was ist. Zweiter Hauptteil: Bedeutung für die Gegenwart Es ist kein Zufall, daß ich ausgerechnet die Gartenszene der Confessiones ausgewählt habe, um über die Bedeutung von Augustins Gnadenlehre für die Gegenwart zu sprechen. Denkbar wären ja auch andere Texte zur Gnadenlehre gewesen, exegetische Schriften zu Paulus etwa oder die Schriften des Pelagianischen Streits, die Synodalbeschlüsse der Jahre 411 oder 418, oder Texte aus der endlosen Auseinandersetzung mit Julian von Eclanum. Ich habe mich aber für die Confessiones entschieden, weil ich hierin den Aspekt am besten repräsentiert finde, der m.E. an der Gnadenlehre Augustins für heute die größte Bedeutung hat. Es geht um die Sicht auf den Menschen als Gegenstand der Gnade, darum, wie sich Gnade konkret im Leben des einzelnen darstellt und wie sich dies zu heutiger Anthropologie verhält. Damit ist nicht weniger angesprochen als die Frage: was soll christliche Rede von Erlösung heute bedeuten? Ich ziehe daher zunächst ein Resümee aus dem 1. Hauptteil, skizziere dann etwas thesenhaft einige Grundaussagen für eine Anthropologie heute und versuche abschließend, zu verdeutlichen, wie sich dies zu Augustins Gnadenlehre verhält. Die Gartenszene schildert eine Begebenheit in Raum und Zeit, in der ein Mensch durch bestimmte Impulse und Einfälle zu einem sicheren Entschluß kommt. Fragt man nach der Art und Weise, wie Gnade wirkt, kann man durchaus von einer Art Inszenierung sprechen. Eine Inszenierung von Zeichen: die Stimme aus dem Nachbarhaus, das Pauluswort. Augustin reagiert hierauf, die Stimme aus dem Nachbarhaus stoppt seine Tränen, das Pauluswort beendet alle Zweifel. Und doch sind die Zeichen, die Augustin umgeben, nicht das einzige. Mindestens genauso entscheidend sind die inneren Einfälle. Augustin fällt Antonius ein, und wie auf ihn ein Bibelwort gewirkt hat. Er hat die Idee, die Bibel nach gut Glück aufzuschlagen und den erstbesten Vers auf sich zu beziehen. Das Bibelwort, das er findet, kommt ihm wie ein göttlicher Fingerzeig vor. Die Zeichen werden so inszeniert, daß Augustin zu bestimmten Ideen und Einfällen kommt. Er sagt: er konnte die Stimme tolle lege gar nicht anders interpretieren als als göttliche Aufforderung. Er interpretiert selbst, er hat Ideen und Einfälle - und zugleich sind sie Elemente einer Steuerung durch Gott. Die äußeren Impulse, die Gespräche, die Lektüre, die Szenerie spitzt sich zu, eine Art Konzentration der Zeichen, und parallel zu diesem äußeren Verlauf spitzt sich auch in Augustins Seele etwas zu, eine Art Konzentration der Gedanken und Einfälle. Beides, äußeres wie inneres, liegt nicht in Augustins Hand. Er wurde nicht gefragt, ob ihm der Antonius einfallen mag. Er hat keine bewußt reflektierte Entscheidung getroffen, als er sich von dem Bibelwort im tiefsten Herzen getroffen fand. Die Inszenierung äußerer Zeichen verbunden mit inneren Einfällen und Ideen - beides zusammen bringt Augustin zu dem Beschluß, ein neues Leben anzufangen. So funktioniert Gnade. Augustin benennt dies auch an anderer Stelle deutlich: er spricht von überzeugenden Einflüssen, suasiones, die äußerlich und innerlich auf den Menschen einwirken und mit denen Gott den Menschen, von dem er es will, überzeugt (persuadere). Wichtig scheint mir vor allem zu sein: es bleibt nicht bei den äußeren Zeichen. Augustin wird nicht neutral vor bestimmte einladende Angebote gestellt, sondern Gott wirkt äußerlich wie innerlich. Und im letzteren Bereich gilt dasselbe wie für den äußeren Bereich: Der Mensch hat nicht in seiner Macht, was ihm begegnet, und nicht in seiner Macht, was ihm in den Sinn kommt. Das bedeutet, der Mensch ist passiv gegenüber Gott. Er ist angewiesen auf Gott. Er kann nicht von selbst aus die Entscheidung zum Glauben herbeiführen, er ist angewiesen darauf, daß sich in seinem Leben Zeichen konzentrieren und daß ihm zur rechten Zeit Einfälle kommen, für die er nichts kann - so, daß er zum Glauben kommt. Das geschieht im normalen Leben, und jedes Gespräch, jedes Beziehungsgeflecht, in dem der Mensch steckt, wird von Gott genutzt: als äußerer Einfluß und als Inszenierung, in der bestimmte Ideen und Einfälle geschenkt werden. Der Mensch ist Gott gegenüber passiv. Und er hat keine Möglichkeit, sich über den Willen Gottes hinwegzusetzen. Das wäre, als wollte er ungeschehen machen, was ihm in den Sinn kommt. Als wollte er so tun, als beeinflusse ihn das nicht. Es gibt keinen gnadenresistenten Bezirk im menschlichen Leben, etwas, wo Gott nicht hineinregiert. Sondern Gott setzt sich durch, dort, wo er es will. Die so skizzierte Art und Weise, wie Gnade wirkt, ist von Mensch zu Mensch verschieden, ganz individuell. Nicht zwei Menschen werden auf die gleiche Art und Weise erlöst. Erwählung heißt also nicht, daß es ein allgemeines Grundangebot gibt, sondern Erwählung realisiert sich in der individuellen Beeinflussung des Lebens, wobei kein Moment, kein Augenblick ausgespart bleibt. Das bedeutet auch: Der Mensch ist zwar mit seinem Willen beteiligt, er trifft ja laufend Entscheidungen, aber das bedeutet noch lange nicht, daß er wirklich unabhängig von Gott ist, sei es auch nur in einem einzigen winzigen Moment seines Wollens. Wenn Gott will, daß jemand zum Glauben kommt, dann tut er es auch. Das ist von nichts im Menschen abhängig. Gott schielt dabei nicht darauf, wie der Mensch sein wird, würdig oder unwürdig, gut oder schlecht, sondern er gestaltet und strukturiert den Menschen so, wie er es will. In meinen Augen stellt das die Frage nach der menschlichen Identität. Die Frage "wer bin ich?" kann nicht diskutiert werden, ohne daß man diese Einwirkungen Gottes auf das Leben eines jeden und einer jeden von uns mitbedenkt. Menschliche Identität - und damit komme ich zur heutigen Anthropologie - liegt nicht einfach von vornherein schlichtweg als metaphysischer Kern in uns fest. Identität wird auch bestimmt durch Beziehungsgeflechte, in denen wir aufwachsen, psychologisch gesprochen: durch die Bezugspersonen, die uns umgeben, die uns mehr oder weniger prägen, positiv wie negativ. Und diese Beziehungen verändern sich, unser Leben lang. Wir selbst greifen dann in diese Beziehungsgeflechte ein, durch unser Handeln, durch unsere Gefühle, durch unsere Ideen und Einfälle, durch unsere Talente und besonderen Fähigkeiten, durch unser Verhalten in den verschiedenen Rollen und Kontexten. Identität liegt nicht einfach von vornherein fest, sie setzt sich zusammen - aus dem, was wir jeden Tag fühlen, denken und tun, aus dem, was wir für andere bedeuten, aus dem, was andere für uns bedeuten. Die zeitliche Erstreckung und Veränderlichkeit des Menschen ist gerade für den Begriff der Identität zu betonen. Eigentlich kommt der Mensch erst zu einer festgelegten Identität, wenn alle Veränderlichkeit, alle Zeit aufhört, wenn das Leben aufhört. Erst in der Stunde des Todes setzt sich das Bild eines Lebens zusammen, fügen sich alle Steine zusammen - und es ergibt sich das, was man am ehesten die Identität eines Menschen, einer Person nennen könnte. Durch eine solche Sicht auf den Menschen gewinnt man verschiedene Aspekte: Der Zusammenhang von vorgegebenen Eigenschaften und dem konkreten Lebenskontext des Menschen ist ausdrückbar, also der Konnex von Sein und Handeln, Kontinuität und Werden - eben durch die lebensgeschichtliche Konkretion des Identitätsbegriffs, der zugleich die Einheit des gesamten Lebens von der ersten bis zur letzten Stunde ausdrückt. Der Mensch wird sodann gerade in seiner Identität nicht nur als agens, als isoliertes, auf die Welt einwirkendes Subjekt verstanden, sondern zugleich als Objekt unzähliger Einflüsse und Handlungen, die ebenfalls zu seiner Identität gehören, ob er will oder nicht. Die Tatsache, daß der Mensch sich immer unzähligen Einflüssen und Handlungen gegenüber passiv vorfindet, kann nicht als Gegensatz zu der Tatsache angesehen werden, daß der Mensch sein Leben lang immer wieder Entscheidungen trifft. Und schließlich ist der so konzipierte Begriff personaler Identität geeignet, gerade auch religiöse Phänomene mit zu integrieren, und zwar nicht nur als psychologische Vorstellungswelten oder soziologisch-kulturell bedingte Traditionen, sondern als etwas, das Identität konstituiert. Diese Grundreflexionen sind natürlich nicht unabhängig von meiner Beschäftigung mit Augustin entstanden, sie sind auch in der Theologie nicht einfach neu. Der Münchener Theologieprofessor Wolfhart Pannenberg etwa verwendet ganz ähnliche Denkkategorien gerade für die Entfaltung der Identität Christi, und seine Überlegungen, daß sich die Identität des Inkarnierten erst in der Stunde des Todes am Kreuz fixiert, halte ich für sehr überlegenswert. Dies kann jetzt hier nicht mehr entfaltet werden, daher seien jetzt auf der Folie des Denkens Augustins einige Überlegungen zur Erlösungsvorstellung überhaupt gemacht. Die Geschöpflichkeit des Menschen erweist sich gerade darin, daß er stärker Gegenstand von Handlungen seiner Umwelt ist als Herrscher derselben. Zwar blendet der Mensch dies gerne aus und fühlt sich als Macher seiner eigenen Existenz, doch ändert dies an der existentiellen Grundbestimmtheit des menschlichen Daseins wenig. Es sei allerdings hinzugefügt, daß diese Illusion, von außen auf die Welt einwirkendes agens zu sein, eine sehr fruchtbare und in bestimmten Grenzen notwendige Illusion ist, die planvolles Handeln ohne völlige Konfusion erst ermöglicht (quasi ein Filter, der Handlungen erlaubt), aber es bleibt dennoch eine Illusion, die in hoffentlich vorhandenen Momenten der Selbstbesinnung zum Tragen kommt. Gott ist demgegenüber absolut und daher freies agens. Er wirkt auf die Schöpfung und die Menschen ein und reagiert nur dort auf die Menschen, wo es ihm von sich aus gefällt. Das bedeutet zweierlei: a) Gnade kann niemals verursacht sein, nicht durch vorbildliches Leben, nicht durch eine wie auch immer geartete Moral und auch nicht durch einen wie auch immer gearteten winzigen Sprung in die Entscheidung zum Glauben; b) neben Gott kann es kein zweites Prinzip geben, das auf Gott einwirkt, etwa die Materie oder die Zeit, denn dann würde Gott zu etwas Geschöpflichem werden, etwas, das nicht in jeder Hinsicht absolut und frei ist. Bestimmt man das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt und zu Gott auf diese Weise, zeigt sich, daß es alles andere als modern ist, anzunehmen, Gott und Mensch verhandelten auf "Augenhöhe" miteinander. Eine solche Annahme hingegen überspringt die fundamentale Differenz zwischen Gott und Geschöpf grundlegend. Entscheidend für den Menschen ist, daß in seinem Leben diejenigen Einwirkungen und Einflüsse zum Zuge kommen, die der von Gott ausgehenden Strukturierung und Formgebung nicht entgegenstehen, sondern entsprechen. Dies kann der Mensch nicht von sich aus herstellen, vielmehr ist er als passivum sowohl in seinen Handlungen als auch in seinen Einfällen und geistigen Entscheidungen Objekt von Gottes lenkender Hand. Dies zu beschreiben, ist eine Aufgabe der Theologie. Sie wird dabei die Tatsache, daß durch Christi Kreuz und Auferstehung grundsätzlich erst ermöglicht worden ist, daß sich die von Gott ausgehende Strukturierung und Formgebung auch tatsächlich realisiert, ebenso betonen wie die Konkretisierung dieser Ermöglichung durch das direkte Einwirken Gottes auf die Seele des Menschen, wozu dann näherhin die Lehre vom Heiligen Geist und die Ekklesiologie dienen. Die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen ergibt sich daraus, daß der Mensch dieser ihm vorgegebenen Bestimmung als Geschöpf entgegensteht und sich nicht als passivum, sondern als isoliertes agens bzw. regnans versteht. Dies beschreibt die klass. Erbsündenlehre anhand des "Falls Adams" und der dadurch eingetretenen Veränderung der menschlichen Natur. Erbsündenlehre ist also eine Konsequenz, keine Voraussetzung für die Gnadenlehre. Gnadenlehre ist insofern supralapsarisch zu denken, also als etwas, was auch schon vor dem Fall Adams grundsätzlich gilt. Ein weiter Weg liegt hinter uns. Von den Darstellungen der Gartenszene und der Betrachtung der Schilderung in den Confessiones. Von Überlegungen zur Anthropologie bis hin zur Verhältnisbestimmung zwischen Gott und Geschöpf. Ein letzter Schritt mag am Schluß stehen, nämlich der Versuch, aus diesen Überlegungen drei Konkretisierungen abzuleiten, die zeigen, wieso die Beschäftigung mit Augustin, die Augustinus-Forschung, zu deren Unterstützung Sie letztlich hier sind, politisch und gesellschaftlich relevant sind: 1. Aus der Tatsache, daß Erlösung in der Welt geschieht, im normalen Leben, folgt umgekehrt, daß geistige Faktoren auch in der normalen Welt eine Rolle spielen haben - weil sonst die entsprechenden Aspekte personaler Identität übergangen werden. Dies führt mich zu einem Plädoyer für die Berücksichtigung geistiger Faktoren in der Ethik, der Politik, der Jurisprudenz und der Ökonomie. Ohne die spezifischen Bedingungen von personaler Identität zu berücksichtigen, sind Richtungsentscheidungen in diesen Bereichen pure Glückssache, soll heißen: riskant. Der Nachteil: solche geistigen Faktoren personaler Identität sind mit keinem psychologischen Fragebogen und keiner Erhebungsmethode meßbar und mit ökonomischen Rahmenbedingungen vergleichbar zu machen. Politisch gesehen wird es m.E. darauf ankommen, daß allem ökonomischen Druck zum Trotz die maßgeblichen Kräfte in unserer Gesellschaft diese geistige Dimension menschlicher Identität nicht aus dem Blick verlieren, Globalisierung hin oder her. 2. Erlösung ist kein Privatgeschehen, sondern ein soziales Geschehen, zu dem andere Menschen gehören. Dies bedeutet, daß auch das Christentum niemals reine Privatangelegenheit sein kann. Politisch ergibt sich daraus die Aufgabe, sicherzustellen, daß solche Formen von nichtprivater Religionsausübung gestützt werden, die für das Funktionieren der Gesellschaft insgesamt zuträglich sind. In meinen Augen ist dies im Falle der öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaften in unserem Staat der Fall. Der öffentlich-rechtliche Status der Kirchen ist daher nicht als verstaubtes Relikt vergangener Zeiten anzusehen, sondern als sachgemäßer Umgang des Staates mit bestimmten Formen von Religiosität. Sich dies zu vergegenwärtigen, hilft m.E. auch bei der Frage, welchen Status etwa islamische Religionsgemeinschaften in unserem Gemeinwesen künftig haben sollen. Das ist eben nicht einfach über die Parameter "Toleranz", "Gleichbehandlung" und "staatliche Neutralität" zu lösen. 3. Menschen, die verstanden haben, daß sie bei jeder Entscheidung und Handlung Objekt unzähliger anderer Handlungen sind, und die damit rechnen, daß dies kein Zufall ist, sondern letztlich auf Gottes Initiative zurückgeht, kennen die Schuldbeladenheit menschlicher Existenz und wissen, daß Schuld nicht die Folge einer verkehrten, aber frei und eigenständig vollbrachten Tat ist. Die Ausrede "da konnte ich nichts dafür" ist in diesem Zusammenhang einer der hartnäckigsten Mißverständnisse von Schuld, die auf Dauer die Wahrnehmung von Verantwortung für ein Gemeinwesen aushöhlen. Konkret gesprochen, wir brauchen eine neue "Kultur" des Umgangs mit Schuld, eine neue Kultur der "Vergebung", und zwar nicht nur in religiöser Hinsicht oder als große politische Geste bei Staatsakten, sondern gerade im gesellschaftlichen Alltag, im Beruf, in der Politik, in der Kirche und in den Familien. Nur so wird sich eine Aufsplitterung der Menschen in Individuen, die versuchen, auf Kosten des Gemeinwesens so gut als möglich ihre Rechnung abzuschließen, verhindern lassen.
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