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Vom philosophischen Dialog zur Predigt:
Augustin und die Funktion 'nutzloser' Bildung in Theorie und Praxis

Festvortrag anlässlich der Jahresvollversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung e.V. am 24. November 2007

Von Professor Dr. Therese Fuhrer (Freiburg i. Br.)

In der Geschichte der Bildung und Erziehung nimmt Augustin einen prominenten Platz ein, nicht zuletzt seit dem Grundlagenwerk des französischen Historikers Henri-Irenée Marrou, der Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum (Histoire de l'éducation dans l'antiquité), erschienen in der Erstauflage 1948. Marrou hat zehn Jahre zuvor (1938) Augustin eine eigene Monographie gewidmet, die zu Deutsch den Titel trägt: Augustinus und das Ende der antiken Bildung. Wie der Titel verrät, wird Augustin in dem Buch als prominenter Vertreter einer Epoche gesehen, in der die antike Bildung, nach ihrem Höhepunkt im Klassischen Griechenland, das Ende erreicht habe. Marrou spricht öfter von „Dekadenz“ und „Verfall“, von einem zur fast völligen Substanz- und Sinnlosigkeit erstarrten Schulsystem mit einem unverhältnismäßigen Schwerpunkt auf der Rhetorikausbildung, in der es vor allem darum ging, leeres Wortgeklingel für funktionslose Reden zu üben. Augustin ist für Marrou der typische Gebildete dieser Verfallszeit.

Zwar publizierte Marrou elf Jahre später (also 1949) eine Retractatio, eine Art Widerruf, in der er die Vorstellung der Spätantike als Verfallszeit relativierte. Trotzdem blieb das Bild einer dekadenten spätantiken Kultur noch lange in den Köpfen der Gelehrten haften.

Siebzig bzw. sechzig Jahre nach Henri-Irenée Marrou sehen wir die Dinge etwas anders. Die Spätantike gilt heute als Zeit der fruchtbaren Transformation der ‚klassischen‘ Bildungsinhalte und als Angelpunkt in der Vermittlung dieser Inhalte an Mittelalter und Neuzeit. Man gelangte – gegen Marrou – zur Ansicht, dass dadurch, dass in der Spätantike durch die politischen und sozialen Veränderungen eine, Globalisierung‘ und Pluralisierung der Wissensbestände stattfand, dass das Bildungssystem vielmehr geradezu eine Hochblüte erlebte. Immer noch gilt Augustin als einer der Exponenten dieses Phänomens, zum Einen weil seine Schriften eine gute, wenn auch nicht besonders breite Bildung erkennen lassen, zum Anderen weil er in zwei seiner Schriften, De ordine und De doctrina christiana, ein eigenes Bildungskonzept entwirft und sich auch an anderen Stellen öfter grundsätzlich über den Wert und die Zielsetzung von Schul- und Allgemeinbildung äußert.

Ich möchte im Folgenden in einem ersten Teil die beiden programmatischen Passagen in De ordine und De doctrina christiana kurz vorstellen und, was mir wichtig erscheint, in ihrem Kontext zu verstehen versuchen. Wie Sie aus dem Titel meines Vortrags ersehen können, geht es mir dabei insbesondere um die Frage, wie Augustin Bildung und ihre Inhalte unter dem Aspekt des Nutzens beurteilt und welche Wissenschaftsdisziplinen und Kompetenzen er aus einer solchen Kategorie der Nützlichkeit ausschließt bzw. warum er diese ausschließt, d.h. für „nutzlos“ hält.

Der zweite Teil meines Vortrags soll die Umsetzung von Augustins Bildungskonzepten in die Praxis in den Blick nehmen, wobei mit Praxis die Realisierung dieser Vorstellungen von Bildung in den eigenen Schriften gemeint ist.

Im dritten Teil meiner Ausführungen möchte ich schließlich einige grundlegende Überlegungen zur Frage des Nutzens und der Funktionalisierung von Bildung überhaupt und auch zur Einschränkung und Kanonisierung von Bildungswissen anschließen.

Teil I: Zwei curriculare Bildungskonzepte und ihre Funktionalisierung

a) De ordine

Die Schrift De ordine („Über die Ordnung“ [der Welt]), ein philosophischer Dialog im Stil Platons und Ciceros, datiert ins Jahr 386 und damit ins Jahr von Augustins ,Bekehrung‘ und dem Rückzug aus dem Beruf des Rhetorikprofessors am Kaiserhof in Mailand, ins Jahr vor der Taufe. Hier stellt Augustin ein Bildungscurriculum vor, in dem die Ausbildung in sieben Wissenschaftsdisziplinen, den septem artes liberales, die Schüler und Studenten stufenweise – über sieben Stufen – auf ein Niveau bringen soll, auf dem sie sich den eigentlich wesentlichen, aber eben schwierigen Fragen nach der göttlichen Weltordnung widmen können. Der gestufte Bildungsgang, den Augustin als „Weg der Vernunft“ bezeichnet, führt hinauf zu einer übergeordneten Stufe: zur Philosophie. Diese wiederum ist zu unterteilen in wahre und falsche, wobei die wahre hier mit der platonischen identifiziert wird, die als einzige Philosophie das begriffliche und gedankliche Instrumentarium bietet, den trinitarischen Gott intellektuell erfassen zu können. Der Glaube, mit dem der Mensch ebenfalls zu Gott gelangen kann, wird gleichzeitig als Voraussetzung und als komplementärer Weg – komplementär zum rationalen Zugang durch die Wissenschaftsdisziplinen – gesehen.

Dieses Programm der intellektuellen Bildung, das durch ein Regelsystem für die ethische Bildung ergänzt wird, hat also ganz klar ein Ziel bzw. eine Funktion: Die Schulung in den sieben Wissenschaftsdisziplinen vermittelt Kompetenzen, die zur Einsicht in die eigentlich wichtigen Dinge, zur höchsten Erkenntnis, führen, wenn nicht zur Gotteserkenntnis, so doch zur Erkenntnis, dass Gott durch dieses Wissen nicht erfasst werden kann (Augustin vertritt hier in Ansätzen eine negative Theologie).

Die Disziplinen oder Fächer, denen die Funktion zugeschrieben wird, dieses Wissen zu vermitteln, sind folgende: Am Anfang steht die gründliche Sprachausbildung, die Grammatik. Darauf folgt die Dialektik im Sinn der Logik, also die Kompetenz, gültige Schlussfolgerungen zu ziehen oder solche zu analysieren. Die dritte Stufe, die Rhetorik, bildet die kommunikative Kompetenz aus, die auf die Wirkung der Wissensvermittlung beim Rezipienten abzielt. Diese drei Disziplinen haben alle mit Sprache zu tun; es geht also auch um das Verstehen und Interpretieren von Texten, die Wissen vermitteln. Ihre Funktion im Hinblick auf das übergeordnete Ziel ist damit deutlich.

Es folgen Musik, Geometrie und Astronomie, mit denen der irdische und kosmische Raum und die in ihm sichtbaren Gesetzmäßigkeiten und Bewegungen erfasst werden. An letzter und höchster Stelle vor dem Ziel steht die Beschäftigung mit den reinen Zahlen und der Zahl an sich, die – so Augustin – vielleicht Gott ist. Diese vier Disziplinen vermitteln also letztlich die Kompetenz, die vollkommene und göttliche Ordnung in der Schöpfung zu erkennen.

Allerdings ist dieser Weg der ratio, wie Augustin mehrfach deutlich macht, nur wenigen vorbehalten, er ist steil, und wer intellektuell überfordert ist, kann sich entweder auf die beiden Disziplinen Dialektik und Zahlenlehre (Arithmetik) beschränken oder sich einer Autorität anvertrauen, die ihm die Erkenntnisinhalte autoritativ vermittelt. Dieser Weg der auctoritas, der fides (des Glaubens), führt allerdings nur Christen zum Ziel. Mit dieser Modifikation und Einschränkung wird nochmals deutlich, dass es in dem ganzen Konzept allein um das Erreichen des übergeordneten Ziels geht, dass also der Weg über die sieben Stufen der septem artes liberales keinesfalls zum Selbstzweck werden darf, dass er sogar auch umgangen werden kann, und dies mit dem am Ende gleichen Ergebnis: der Erkenntnis der Wahrheit, die nach Io 14,3 mit Christus gleichgesetzt wird.

b) Die propädeutische Funktion von Bildung

Augustin schreibt dem Bildungscurriculum also ganz klar einen propädeutischen Wert zu und betont seine Zweckorientiertheit. Damit vertritt er eine utilitaristische Position: Bildung und Bildungswissen sind nicht per se gut und sollen immer im Hinblick auf ein Ziel vermittelt werden. Damit stellt sich Augustin in eine lange Tradition in der Bildungsgeschichte. Auch für Platon hat die Bildung in den Wissenschaftsdisziplinen propädeutische Funktion im Hinblick auf die Beschäftigung mit philosophischen Fragen; zumal die Disziplinen Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Harmonielehre und – auf der höchsten Stufe – die Dialektik bereiten auf die Erkenntnis der höchsten Wahrheit oder die Ideenschau vor. Auch in anderen philosophischen Bildungskonzepten wird der subsidiäre Charakter eines solchen Curriculums – der Enkyklios paideia – betont: Diese Paideia gilt als Durchgangsstadium auf dem Weg zur Tugend und zur Erkenntnis.

Auf römischer Seite ist der Universalgelehrte Varro zu nennen, der wohl auch zu den literarischen Quellen von Augustins De ordine gehört: Er nimmt in seinen Disziplinenkanon auch die Medizin und die Architektur auf, was auf einen verstärkten Praxisbezug und damit eine pragmatische Funktionalisierung von Bildung schließen lässt. Der augusteische Architekt Vitruv (1. Jh. n.Chr.) schreibt der Kenntnis des kanonischen Bildungswissens ganz konkret propädeutische Funktion für die Erlernung der Baukunst zu. Die beiden Rhetoriker Cicero und Quintilian bezeichnen die Ausbildung in den Wissenschaftsdisziplinen als Voraussetzung für den guten Redner. Der Stoiker Seneca kritisiert zwar die Überbewertung der artes liberales, spricht ihnen jedoch immerhin eine ethische Funktion zu: Sie können den Geist für die Tugend aufnahmebereiter machen, und damit fördert intellektuelle Bildung den ethischen Fortschritt.

Eine ähnliche Funktionalisierung der artes liberales findet sich auch bei den frühchristlichen griechischen Autoren: Clemens von Alexandria vertritt im 2. Jh. die Position, dass das pagane Schulwissen „eine Vorschule“ (propaideia) biete für die, die auf dem Weg des Beweises zum Glauben gelangen wollen. Origenes (3. Jh.) verlangte von seinen Schülern, „die dem Christentum gewissermaßen dienlichen enzyklischen Kenntnisse als Vorbildung (propaideumata) hinzunehmen“.

Eine mit Augustins Ausführungen in De ordine vergleichbare systematische Darlegung finden wir allerdings nicht in den erhaltenen antiken Texten vor Augustin. Von seinem durchdachten Bildungsprogramm zeugt zudem das Projekt, das er in Mailand entworfen und teilweise realisiert hat, in dem er jeder der in De ordine genannten sieben Wissenschaftsdisziplinen ein eigenes Lehrbuch widmen wollte. Das Unternehmen war als Plan gedacht, um seine Schüler in bestimmten Schritten „durch den Bereich der Körperwelt zum Unkörperlichen“ zu führen (per corporalia … ad incorporalia). Die erhaltenen Reste dieses Schriftencorpus vermitteln – wie auch die frühen philosophischen Dialoge und Briefe – das Bild einer Gruppe von Persönlichkeiten, die sich mit großem Einsatz um den Erhalt und die Tradierung paganer Bildungsinhalte bemühten. Augustins Dialoge und sein Plan einer solchen Lehrbuchreihe repräsentieren also wohl die Reflexionen und konzeptionellen Vorstellungen einer realen Bildungselite. Sie propagieren jedenfalls ein Schulungsprogramm, das in jedem seiner Teile auf den Erkenntnisgewinn in philosophischen und theologischen Fragen ausgerichtet ist.

c) De doctrina christiana

Bereits in De ordine betont Augustin, dass das Studium in den Wissenschaftsdisziplinen nicht nur Mittel zum Zweck sein solle, sondern zudem auch maßvoll betrieben werden solle; denn nicht alles Wissen in diesen Disziplinen sei erstrebenswert. Später hat er eine weitaus kritischere Haltung gegenüber den artes liberales angenommen. In den Predigten wendet er sich öfter explizit an die in der Kirche als der „Schule Christi“ (schola Christi) gebildeten. Diese sind also nicht einfach „Ungebildete“, vielmehr bezeichnet Augustin sie als „Söhne krichlicher Bildung und des katholischen Glaubens“ (en. Ps. 142,3: filii ecclesiasticae eruditionis et fidei catholicae) oder als „Gebildete in der Schule des himmlischen Lehrers“ (s. 52,13: eruditi … in schola magistri caelestis).

Augustin legt den Fokus nun also auf den Christen schlechthin, für den er ebenfalls eine Bildung postuliert. Diese speist sich jedoch aus einem ganz bestimmten Schriftencorpus, der Bibel. Diese ist nun aber doch nicht ohne Vorbildung verständlich. Augustin reflektiert öfter über die Schwierigkeiten, die der Bibeltext bietet, über die unterschiedlichen Lektüren, die diese Schriften ermöglichen, über die verschiedenen Möglichkeiten, die teilweise dunklen Stellen zu verstehen. Dementsprechend sind bestimmte Kompetenzen erforderlich, um diesen Text richtig lesen und interpretieren zu können sowie diese Auslegung in der Folge anderen mitteilen zu können, sei es in einer Predigt oder in einem exegetischen Traktat.

Der Frage nach den Erfordernissen für die Bibelauslegung und der Ausbildung entsprechender Kompetenzen hat Augustin die Schrift De doctrina christiana gewidmet, die er Mitte der 90er Jahre des 4. Jhs. begonnen und wenige Jahre vor seinem Tod – 30 Jahre später – um bestimmte Teile ergänzt hat. Diese Schrift galt seit dem frühen Mittelalter als Grundlagentext eines christlichen Bildungskonzepts und einer „christlichen Kultur“, und der erwähnte Henri-Irénée Marrou hat diese Interpretation noch im 20. Jh. prominent gemacht. Man las bereits den Titel als Ankündigung eines umfassenden Programms, d.h. man verstand die Junktur doctrina christiana im Sinn einer „christlichen Wissenschaft und Bildung“, der „christlichen Lehre“ oder „christlichen Bildung“ schlechthin. Auch nach Marrou begriff man De doctrina christiana als Lehrbuch (institutio) der christlichen Bildung oder sogar als Antwort der Christen auf das griechische Ideal der Paideia.

Heute liest man den Text allerdings anders, und in der neuesten Forschung zu De doctrina christiana ist man sich im Großen und Ganzen einig: Die Schrift enthält ganz konkret eine systematische Anleitung zum Lesen und Interpretieren des Bibeltexts. Sie liefert eine theoretische Reflexion über die Möglichkeiten, einen Text, konkret den Bibeltext, zu verstehen, also eine Theorie der Bibel-Exegese, eine Bibel-Hermeneutik. Thema von De doctrina christiana ist somit nicht die Bildung, die der Christ schlechthin erwerben soll, sondern die Bildung, die den Christen zum Umgang mit dem Text – dem Bibeltext – befähigt, der die christliche Lehre enthält und vermittelt – ist ja doch die christliche Religion eine Buchreligion und damit abhängig von der Schrift bzw. der Lesekompetenz ihrer Leserinnen und Lesern. In Buch 2 und 3 befasst sich Augustin denn auch mit der Sprache des Bibeltexts und den Möglichkeiten ihrer Auslegung. Es geht also um Wörter und Begriffe – Augustin spricht von sprachlichen Zeichen –, und dabei insbesondere um diejenigen, die dem Interpreten bzw. Exegeten Verständnisprobleme bereiten: konzentriert sich auf diejenigen, die dem Interpreten bzw. Exegeten Verständnisprobleme bereiten; dies sind die unbekannten und mehrdeutigen Zeichen.

Augustin empfiehlt dem Bibelinterpreten zunächst – in Buch 2 – den Fremdsprachenerwerb (Hebräisch und Griechisch), die Konsultation von Lexika mit den biblischen Namen von Orten und Personen sowie das Bemühen um eine umfassende Realienkenntnis, also das Bildungswissen, das für das Verständnis der Bibel unmittelbar relevant ist. Im Anschluss an diese konkreten Empfehlungen folgt in 2,59-56 ein Abschnitt, den man gerne als Exkurs bezeichnet und dem man seit Cassiodor und Erasmus auch den Status eines christlichen Bildungscurriculums zuschreibt: Augustin sagt, er wolle nun die Bildung insgesamt in den Blick nehmen, also auch die Disziplinen, die in der heidnischen Tradition gepflegt werden. Dabei unterscheidet er zwei Arten von Bildung (doctrinae): die eine umfasst Dinge, die die Menschen erfunden und eingerichtet haben, d.h. Dinge, die im weitesten Sinn das soziale und kulturelle Leben der Menschen betreffen. In der Folge nennt Augustin die Sterndeutung und die Horoskopstellerei, den pantomimischen Tanz, Bilder und Statuen sowie die fiktionale Literatur (fabulae fictae), d.h. mythische Erzählungen, weiter die Schreibkunst und die Stenographie. Die zweite Kategorie der Bildung umfasst die von Gott geschaffenen Dinge (2,41: divina instituta); sie ist notwendigerweise weniger trivial: Die Geschichte, namentlich die Lebensgeschichte Christi, und dabei insbesondere ihre Chronologie, weiter die Disziplinen der Naturwissenschaften wie Geographie, Astronomie, dann auch die Handwerkskünste. Es folgen – als rein geistige Disziplinen – Dialektik, Rhetorik und Mathematik.

Horoskopstellerei, Pantomime und Stenographie sind also Menschenwerk, und dementsprechend werden sie teils als „überflüssig und luxuriös“ (2,38f: superflua luxuriosaque), teils als „vorteilhaft und notwendig“ (commoda et necessaria) oder als „akzeptabel“ (2,40: assumenda) bezeichnet. Zu den „überflüssigen“ Dingen gehört also auch die fiktionale Literatur, mithin ein großer Teil der paganen antiken Literatur, die wir heute noch so sehr schätzen. Diese Literatur ist gemäß Augustins Ausführungen also ohne Nutzen im Hinblick auf die Frage, wie der Bibeltext zu verstehen sei.

Nach dem Kriterium des Nutzens werden nun auch die Disziplinen, die auf göttlichen Einrichtungen beruhen, bewertet: Die Kenntnis in Geschichte ist „hilfreich“ für das Verstehen der Heiligen Schrift (2,42: adiuvat ad libros sanctos intellegendos), vom „Nutzen“ der Chronologie ist die Rede (2,43: utilitas), vom „Wert“ der Naturkunde im Hinblick auf die Lösung rätselhafter Stellen in der Heiligen Schrift. Das Wissen von den Gestirnsbewegungen, also die Astronomie, ist dagegen für die Auslegung der Bibel von geringem Nutzen, da hier von solchen Dingen kaum die Rede sei. Kenntnisse in den Handwerken sind wichtig, um zu verstehen, was die Heilige Schrift vermitteln will, wenn davon die Rede ist. Den höchsten Rang in der Werteskala hat die Logik, mit der die Gültigkeit von Aussagen eruiert werden kann, nicht aber die absolute Wahrheit. Die Rhetorik wird nur dann positiv bewertet, wenn man sie nicht „falsch gebraucht“ (2,54). Die Mathematik mit ihren unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten dient entweder der Betrachtung der intelligiblen Zahlen an sich oder der Berechnung von Flächen oder der Rhythmik von Bewegungen (2,56).

In einer Art Zwischenbilanz engt Augustin nun auch diesen Wissenskanon nochmals ein (2,58). Von den paganen Wissenschaften sei außer der Geschichtsschreibung, der Dialektik und der Mathematik keine von Nutzen (nihil utile esse arbitror). Und auch für diese gelte: „Nichts im Übermaß“ (ne quid nimis). Das Kriterium der Nützlichkeit dieser drei Disziplinen wird nun also noch strikter abhängig gemacht von der Frage ihrer unmittelbaren Relevanz für das Verständnis der Bibel (2,59). Dasselbe gilt für eine vierte Disziplin, die Augustin aber erst am Schluss erwähnt: die Philosophie, namentlich die platonische, die ein Christ für den „eigenen Gebrauch“ nutzen kann (2,60: in usum nostrum vindicanda). Hier folgen nun die berühmten Ausführungen zum „rechten Gebrauch“ (usus iustus) der paganen Bildung, die „zum Nutzen der Wahrheit“ dienen kann: Der Christ soll dieses Wissen nutzen, wie die Isrealiten das Gold und Silber der Ägypter zu einem besseren Verwendungszweck mit sich genommen hätten.

Nun würde aber ein Angehöriger der spätantiken Bildungselite kaum zugestanden haben, dass dieses Bildungskonzept ihnen das Wissen und die Kompetenzen vermitteln könnte, die sie im traditionellen Schulsystem erworben haben. Wer würde sich denn mit den Fächern Geschichte, Dialektik, Mathematik und Philosophie zufrieden geben wollen? Musik, Astronomie und vor allem die Lektüre der fiktionalen Literatur müssten ja als nutzlos ausgeschieden werden. Man müsste also – folgte man diesem Bildungsprogramm – auf große Teile des antiken Bildungsguts verzichten, im lat. Westen auf Texte wie Vergils Aeneis, die aber zu den meistgelesenen Texten der Spätantike gehört und im Grammatik- und Rhetorikunterricht in dieser Zeit einen prominenten Platz einnimmt.

Die Ausscheidung „nutzloser“ Bildungsinhalte in De doctrina christiana ist jedoch kaum als generelle Einschränkung und damit Einengung des Bildungskanons zu verstehen, vielmehr ist sie einer spezifischen Perspektive geschuldet. Augustin kann nicht gemeint haben, dass ein Christ sich generell und radikal auf diesen Wissenskanon beschränken muss. Dies wird im unmittelbaren Anschluss an den Exkurs deutlich: Nachdem Augustin also gesagt hat, dass außer der Geschichte, der Dialektik und Mathematik die Inhalte der paganen Bildung „nutzlos“ seien (2,58), stellt er verallgemeinernd fest: Immer gelte ne quid nimis, „nichts im Übermaß“. Dabei handelt es sich um ein Zitat aus einer Komödie des lateinischen (heidnischen) Dichters Terenz, der das griechische meden agan und damit den uralten Gedanken des Maßhaltens und des rechten Maßes auch in der lat. Sprache auf eine griffige Formel gebracht hat. Augustin braucht nicht einmal den Namen des Dichters zu nennen, da er mit dem Bildungswissen seiner Leser rechnet – war doch Terenz neben Vergil der wichtigste Dichter im spätantiken Schullektürekanon. Mit dem einprägsam formulierten und auch den meisten seiner Leser wohl vertrauten Dictum ne quid nimis kann Augustin seine Aussage wirkungsvoll pointieren: Selbst die Bildung in den „nützlichen“ Disziplinen soll mit Maß – ökonomisch – betrieben werden. Dabei macht er gerade an dieser Stelle seine Bildung in der paganen Dichtung nutzbar, seine Kenntnisse der Terenz-Komödien, die er anderswo entweder der fiktionalen Literatur zuweist oder denen er vorwirft, sich am unmoralischen Verhalten der mythischen Figuren der fictae fabulae zu orientieren: Auch die Terenz-Komödien sind also im Hinblick auf die Deutung der sprachlichen Zeichen der Heiligen Schrift „nutzlos“, aber offensichtlich nicht im Hinblick auf die Darstellung und Pointierung von Aussagen über dieses Bildungskonzept. Um seine Vorstellungen von der nötigen Bildung eines Bibelexegeten auszudrücken, greift Augustin auf ein Wissen zurück, das außerhalb des in De doctrina christiana gesteckten Rahmens liegt.

Von einem Bildungsprogramm im umfassenden Sinn kann also für De doctrina christiana nicht gesprochen werden, höchstens von einem Aus-Bildungsprogramm, das bestimmte, sehr spezifische Kompetenzen vermitteln soll. Heute würde man von einem Curriculum für eine Fach-Ausbildung oder allenfalls eine Berufsbildung sprechen im Gegensatz zur Allgemeinbildung, die keine berufsspezifische Funktion zu erfüllen hat. Augustin präsentiert also in De doctrina christiana ein utilitaristisches und ökonomisiertes Ausbildungsprogramm, das Kompetenzen vermitteln soll, die strikt funktionalisiert sind. Die starke Einengung des Wissenskanons ist aus der Perspektive der fachspezifischen Ausbildung zu verstehen und lässt sich dadurch auch legitimieren.

Teil II: Zur Funktion von Bildung in der Praxis von Augustins Schriften

Augustin war als Bischof nicht nur Exeget und Prediger, sondern auch in einem weiteren Sinn Realpolitiker, Seelsorger, nicht zuletzt Autor einer Reihe von Schriften, die auf einem intellektuell sehr anspruchsvollen Niveau philosophisch und theologisch relevante Fragen diskutieren. Dabei greift er immer wieder auch auf paganes Bildungswissen zurück, das den in De doctrina christiana gesteckten Rahmen bei weitem überschreitet. Dazu ist bereits viel geforscht und geschrieben worden, so von Rudolph Lorenz, Maurice Testard, Harald Hagendahl, Wolfgang Hübner u.a.

Ich will im Folgenden kurz der Frage nachgehen, inwiefern Augustin in seinen Schriften genau das Wissen eingesetzt und instrumentalisiert hat, das er gemäß dem Kanon von De doctrina christiana 2 für den christlichen Bibelleser als „nutzlos“ bezeichnet. Ich will mich dabei auf die fiktionale Literatur konzentrieren, im Besonderen auf Augustins Umgang mit der lateinischen Dichtung, aus der das erwähnte Terenzzitat stammt. Ich tue dies nicht zuletzt deshalb, weil diese Literatur auch im gegenwärtigen Bildungssystem – im gymnasialen Lateinunterricht und der Kulturgeschichte – ihren festen Platz hat und weil ich mich selbst im Rahmen meiner professio fast täglich mit ihr auseinandersetze – und damit auch mit der Frage nach ihrer Relevanz im modernen Bildungscurriculum.

In De doctrina christiana 2 charakterisiert Augustin die „Tausende von erfundenen Geschichten und Falschheiten“ der paganen fiktionalen Literatur als „Lügen“, an denen sich die Menschen erfreuen (2,39). Sie sind durch und durch Menschenwerk, wie alles Falsche und Verlogene. Diese Literatur ist also etwas spezifisch Menschliches und steht damit im Gegensatz zu den göttlich inspirierten Texten der Heiligen Schrift, die ausschließlich die Wahrheit verkünden. Auch die allegorische Auslegung der paganen Mythen, die Augustin in den Frühschriften noch akzeptiert, wird an dieser Stelle nicht in Betracht gezogen. Die Beschäftigung mit dieser Literatur ist für den Bibelexegeten „überflüssig“, die sind superflua.

Allerdings beurteilt Augustin in anderen Schriften die pagane Literatur weitaus differenzierter. Dies lässt sich exemplarisch an seinen Äußerungen über Vergil und an seiner Zitier-Strategie dieses Autors zeigen. In den Frühdialogen gehört die Vergillektüre zum festen Programm in der Ausbildung, deren Ziel die intellektuelle Reife der Schüler für eine Beschäftigung mit philosophischen und theologischen Fragen ist. Für den gerade zum christlichen Glauben bekehrten jungen Augustin ist dies nicht nur kein Problem, sondern ein Teil der praeparatio prae-philosophica, des propädeutischen Curriculums. Der Bischof Augustin setzt jedoch andere Ziele. Berühmt ist die Kritik im ersten Buch der Confessiones, wo er seine Auseinandersetzung mit den Irrfahrten des Aeneas im Rahmen des Grammatikunterrichts schildert, seine Empathie gegenüber dem Schicksal Didos, das er nun den eigenen Irrtümern und dem „Wegsterben“ von Gott und vom wahren Leben gegenüberstellt. Auch hier spielt die Frage der Nützlichkeit eine Rolle, indem Augustin seine kindliche Vorliebe für Vergils Aeneis seiner Abneigung gegen „nützlichere Dinge“ wie die Arithmetik gegenüberstellt: Die ihm verhassten Zahlenadditionen sind utiliora, die von ihm geliebte Sage von Trojanischen Pferd ist ein Schauspiel der „Nichtigkeit“ oder „Substanzlosigkeit“, aber eben ein „überaus süßes Schauspiel“ (1,22: dulcissimum spectaculum vanitatis). Die Schilderung der tiefen Wirkung dieses Texts auf den jungen Leser impliziert immerhin ein sehr positives literarkritisches Urteil. Abgelehnt wird denn auch in erster Linie die fehlende Funktionalisierung im Hinblick auf die Frage nach dem Verhältnis des Menschen, der sich an dieser Literatur erfreut, zu Gott, dem höchsten Genuss. Zu ihm hat den Schüler Augustin die Beschäftigung mit Vergil nicht geführt.

Vergil bleibt jedoch weiterhin präsent in den Confessiones wie auch in anderen Schriften des Bischofs von Hippo. Neben Vergil dienen ihm auch andere lateinische Dichter, Terenz, Lucan, Horaz, Lukrez u.a. – selten allerdings Ovid – beispielsweise dazu, im Dialog mit Angehörigen der gebildeten Oberschicht, Christen und Nicht-Christen, Orthodoxen und Heterodoxen, bestimmte Positionen zu verdeutlichen, bestimmte menschliche Verhaltensweisen zu illustrieren oder Argumente zu pointieren. Augustin bedient sich dafür der auch bei den paganen Autoren bewährten literarischen Technik, eine Aussage mit einem Dichterzitat zu untermalen und auch zu erklären.

Im Unterschied zu den paganen Autoren verbindet der Bischof Augustin aber mit solchen Zitaten meist auch eine antipagane Kritik, indem er einen Irrtum oder ein Fehlverhalten der Figuren in der Dichtung der christlichen Wahrheit entgegenstellt. Er bedient sich also der paganen literarischen Bildung, um die dort dargestellten und diskutierten Denk- und Handlungsmodelle in Frage zu stellen. Die Literatur behält also die erklärende, illustrative Funktion, die ihr auch die paganen Autoren in ihren Schriften gegeben haben. Sie hat aber nun nicht mehr Modell-, sondern vielmehr Kontrastfunktion. Nichtsdestotrotz bleibt sie eine Fundgrube literarisch kunstvoll inszenierter Gedanken über den Menschen, sein Handeln und seine Stellung gegenüber den Mitmenschen und gegenüber Gott.

Selbst in den Predigten, wo man erwarten würde, dass Augustin im Hinblick auf den Bildungsstand seines Publikums auf das Argumentations- und Modellreservoir der antiken Literatur verzichten würde, finden sich – selten zwar – Zitate aus paganen Autoren. Auch hier dienen diese zur Dokumentation bestimmter Positionen und Lehren, wiederum meist von Gegenpositionen und Irrlehren.

Sogar in den exegetischen Schriften, wo nach De doctrina christiana die Nutzlosigkeit der fiktionalen Literatur evident sein müsste, zieht Augustin immer wieder Beispiele aus der Dichtung, namentlich aus Vergil, heran, hier nun oft aus ganz sachlichen Gründen: zur Erläuterung eines Sachverhalts oder Gedankens, zur Erklärung eines stilistisches Phänomens oder der Bedeutung eines bestimmten Wortes. Gemäß den Bewertungskategorien von De doctrina christiana leistet er sich damit einen Luxus: Er greift auf die superflua et luxuriosa der paganen Bildung zurück.

Die literarische Bildung erschließt aber Augustin offenbar ein reiches Angebot an vorgedachten und vorfomulierten Positionen, sie bietet ein Reservoir von literarisch inszenierten Figuren, Handlungen, Reden, sie ist ein Thesaurus von sprachlichen Phänomenen, Begriffen, Metaphern, Vergleichen usw. Selbst wenn Augustin die paganen Dichter zur Illustration einer Gegenposition heranzieht, haben sie den Status von Autoritäten, gegen die er argumentieren muss und offenbar auch will, um die Wahrheit der christlichen Lehre herauszustellen. Das „nutzlose“ Wissen ist ihm dabei in verschiedener Hinsicht doch „nützlich“.

Teil III: Nutzen versus Zweckfreiheit

Die Frage, inwiefern sich Bildung funktionalisieren lässt bzw. funktionalisieren lassen soll, ist ein prominentes Thema der heutigen Bildungspolitik und der modernen Erziehungswissenschaften. Nachdem – in den letzten Jahrzehnten – im Zuge der Schul- und Bildungsreformen und nicht zuletzt auch der Sparmaßnahmen im Bildungswesen die Lehrpläne der Schulen gestrafft, die Ausbildungszeiten gekürzt und das Wissen im Hinblick auf „Verwertbarkeit“ und Ausbildungsziel kanonisiert wurde, wurde auch Kritik laut gegen eine zu strikte Funktionalisierung von Bildung. Insbesondere die Tendenz, für jede Ausbildung ein enges Curriculum und einen Wissens- und auch Lektürekanon zu definieren, der auf das jeweils angepeilte Berufsbild zugeschnitten ist, provozierte heftige Diskussionen. Kritisiert wurde zum einen die Starrheit der Curricula und Kanones, die eine Einschränkung des Wissens auf den dort aufgelisteten Stoff bedeuteten, zum anderen auch die Gefahr, dass mit der Selektion von Fächern und Inhalten, die ja von einem Gremium, einer Behörde oder Institution bestimmt wird, auch ein Machtpotenzial verbunden ist: Durch die Auswahl des Stoffes, der Gegenstand der Ausbildung sein soll, lassen sich unvermerkt auch Ideologien und Doktrinen vermitteln und verbreiten.

Im Fokus der Kritik stand aber vor allem die anwendungsorientierte Ausrichtung solcher maßgeschneiderter Ausbildungskonzepte. Gegen eine solche „Verwendungserwartung“ von Wissen oder den „Verwendungsnutzen“ einer Ausbildung wurde die Notwendigkeit einer zweckfreien Bildung geltend gemacht. Pädagogen und Fachvertreter vor allem der geisteswissenschaftlichen Disziplinen an Schule und Universität betonen, dass Bildung – nicht nur Allgemeinbildung – bedeute, dass neben unmittelbar und mittelbar berufsrelevanten Fächern auch Wissen erworben werden soll, dessen Nutzen und Verwertbarkeit nicht oder nicht unmittelbar ersichtlich seien. Von den Vertretern der geisteswissenschaftlichen Fächer wird dabei geltend gemacht, dass ihre Gegenstände, also Sprache, Literatur, Philosophie, Geschichte, ein notwendiges Gegengewicht gegen die Zweckorientiertheit der harten und angewandten Wissenschaften herstellen. Als Begründung für die Wichtigkeit dieser Fächer wird auf das große Reservoir an Denk- und Handlungsmodellen verwiesen, auf die Modell- oder auch Kontrastfunktion ihrer Inhalte im Hinblick auf das aktuelle Denken und Handeln.

Kehren wir zurück zu Augustin: In dieser modernen Debatte würde er mit seinen beiden Schriften De ordine und De doctrina christiana ganz klar Positionen sowohl für die Kanonbildung wie auch für die Zweckorientiertheit von Bildung beziehen – wie ja bereits die anfangs genannten paganen und andere frühchristliche Autoren. Müssten wir also in Augustin, wenn wir ihm in der aktuellen bildungspolitischen Debatte eine Stimme verleihen könnten, einen Vertreter der Rationalisierung der Schulcurricula und der Ökonomisierung der universitären Studiengänge sehen?

Allerdings weist ja Augustins Umgang mit seinem eigenen Bildungswissen in eine andere Richtung. Zwar hat er in keiner seiner erhaltenen Schriften über den Sinn oder die Möglichkeit der Funktionalisierung des „nutzlosen“ Bildungswissens reflektiert. Doch allein der Umstand, dass er sein Plädoyer für die nutzenorientierte Ausbildung des Exegeten in De doctrina christiana 2,58 mit einem Zitat aus einer Terenz-Komödie abschließt (ne quid nimis), wirkt wie ein Hinweis auf die Funktion, die er diesem Wissen zuschreibt. Genau an der Stelle, wo er den Bildungskanon für Exegeten auf vier Fächer beschränkt, demonstriert er den Nutzen der nicht-kanonisierten Bildung für eine prägnante Formulierung eines Gedankens, der in unterschiedlichsten Kontexten – in der Komödie wie in einer christlichen Lehrschrift und ganz allgemein – seine Gültigkeit hat.

Augustins Schriften insgesamt – auch die Predigten und exegetischen Schriften – geben mit den häufigen Verweisen auf paganes Bildungsgut ein beredtes Zeugnis dafür ab, dass er keineswegs die Position vertreten haben kann, dass ein Christ sich auf einen engen Wissenskanon beschränken sollte. Damit demonstriert Augustin eine Haltung, wie sie auch in der modernen Kanon- und Bildungsdebatte gefordert wird: Jeder Kanon und jedes nutzenorientierte Bildungskonzept muss gleichzeitig Raum bieten für Wissen außerhalb des vorgegebenen Rahmens oder Curriculums, damit für einen Wissensüberschuss, d.h. einen „Überschuss“ in Bezug auf die fachbezogenen Kompetenzen. Neben die Vorstellung der propädeutischen Funktion von Bildung tritt also die Vorstellung eines weiteren Wissensreservoirs außerhalb des auf das Ausbildungsziel und die Anwendungsorientiertheit bezogenen Stoffes. Solche Überlegungen werden etwa an Fachhochschulen oder Technischen Universitäten dergestalt umgesetzt, dass auch nicht anwendungsorientierte Fächer angeboten oder sogar ins Curriculum eingebaut werden. Dabei wird aber gerade auch diesem Überschusswissen eine Funktion zugeschrieben, nämlich diejenige, den Studierenden eine umfassende Allgemeinbildung und die für den späteren Beruf wichtige „kulturelle Kompetenz“ zu vermitteln. Das berufsorientierte Curriculum ist also nicht mehr als ein Rahmen, der auch gesprengt werden kann.

Der Kirchenlehrer Augustin lässt nun sogar um den ganzen Rahmen herum Raum für andere Vorstellungen von Bildung. Sowohl die Ungebildeten bzw. die in der „Schule Christi“ gebildeten wie auch diejenigen, die über ein Überschusswissen verfügen, zu denen mit Sicherheit auch ein Teil seiner Leser gehört, haben in dieser christlichen Kulturlandschaft ihren Platz. Wichtig ist in der augustinischen Denkordnung ja letztlich die Ausrichtung allen Strebens, und damit eben auch die Funktionalisierung und Finalisierung der Bildung, dabei auch des Zustandes der mangelnden Bildung: Sowohl ein Intellektueller wie auch ein Fischer, beide müssen ihr Wollen und Tun, ihr Wissen und Nichtwissen auf ein Ziel hin instrumentalisieren: auf die Liebe zum Nächsten und damit zu Gott.