Dieser Artikel entstammt dem Augustinus-Lexikon und wurde in dessen 3. Band, Doppelfaszikel 1/2 (2004) auf den Spalten 290-302 publiziert. Haeresis, haereticiI. Wortbedeutung, Statistik und Sprachgebrauch – II. Probleme und Elemente einer Definition – 1. Philosophische versus christliche h.: der entscheidende Unterschied – 2. Starrsinniges Verharren im Irrtum – 3. H. und Kirche – a) Verhältnisbestimmung – b) Biblische Typoi und Gleichnisse der h. – c) Ursprung der h. – 4. H. und ‹schisma› – III. Providentieller Nutzen – IV. Kirchliche Reaktion und staatliche Zwangsmaßnahmen – V. Motive der Polemik I. Wortbedeutung, Statistik und Sprachgebrauch. – Das Lehnwort ‹haeresis› (h.) bedeutet zunächst – wie die griechische Vorlage αἵρεσις (ursprünglich ‹das Nehmen› im Sinne der ‹Einnahme einer Stadt›, sodann die ‹Wahl›) – die (philosophische) ‹Lehre› oder ‹Schule› und ist in diesem neutralen Sinn seit klassischer Zeit belegt [1]. Doch wie αἵρεσις in der griechisch-christlichen Literatur von jeher pejorativ konnotiert (cf. Gal 5,20) und seit 2 Pt 2,1 ein Fachbegriff der Kontroverstheologie ist [2], so zeigt auch das lateinische Wort h. in diesem Kontext die entsprechende Bedeutungsverengung: Seit Tertullian wird es als Gegenbegriff zu ä‹fides›, ä‹ueritas› und ä‹unitas› verwendet [3] und bezeichnet eine der – je nach Standpunkt zu definierenden [4] – ‹Rechtgläubigkeit› entgegengesetzte ‹Irrlehre›. Das zugehörige Adjektiv ‹haereticus› ist hingegen eine christliche Neubildung und findet sich, ebenfalls seit Tertullian, in substantivischer wie adjektivischer Verwendung sehr häufig [5]. Entsprechend zahlreich sind die Belege im Werk A.s: Für Formen von h. führt das CAG (augm.) rund 640 [6], für Formen von ‹haereticus› über 1500 Belegstellen an. Synonym für h. verwendet A. ä‹secta› (cf. z.B. s. 46,18), was nicht nur die klassische Übersetzung von αἵρεσις im pagan-philosophischen Sinn ist [7], sondern auch in der christlichen Latinität wertneutral die ‹Religionsgemeinschaft› bezeichnen und entsprechend auf das Christentum angewendet werden kann [8]. Anmerkungen. – [1] Cf. Groth, haeresis. – [2] Cf. Schlier 182; Janssen 111sq.; Brox 255-260; Betz; Käppel. – [3] Belege bei Janssen 112-114. Zum Phänomen und Begriff der Häresie in der Kirchen- und Theologiegeschichte cf. Schindler, Häresie. – [4] So kann der Manichäer äFaustus die ‹Katholiken› zur «christianarum haeresium pars maxima» zählen (Faust. A. c. Faust. 16,7); cf. die Einsicht des Salvian von Marseille (aus der Perspektive der ‹katholischen› Kirche im Blick auf die Arianer): «quod ergo illi nobis sunt, hoc nos illis» (gub. 5,8sq.). Zur ‹methodologischen Problematik des Häresie-Begriffs› generell: Brox 290-295. – [5] Cf. Mohrmann 116; Janssen 114sq.; ältester Beleg in VL Tit 3,10. – [6] A. flektiert h. im Singular meist nach der i-Deklination, d.h. Genitiv, Akkusativ und Ablativ Singular enden auf ‹-is›, ‹-im› und ‹-i›, er kennt aber auch Formen auf ‹-em› und ‹-e›. Der Genitiv Plural lautet dagegen immer ‹haeresum›; die Form ‹haeresium› findet sich nur im Zitat (Faust. A. c. Faust. 16,7). Nur selten verwendet A. griechische Formen: ‹haereseos› (ep. 29,12; c. Gaud. 1,4; gr. et pecc. or. 2,26), ‹haeresin› (ep. 82,16), ‹haereseon› (Zitat: Iulian. A. c. Iul. imp. 5,25). – [7] Cf. z.B. Cic. ac. frg. 20 Müller, von A. zitiert in Acad. 3,16. – [8] Cf. Pétré 318sq.; Janssen 113 mit n. 2. Im Sinn von ‹Religionsgemeinschaft› verwendet A. ‹secta› z.B. in ep. 102,13, bezieht das Wort aber so gut wie nie auf das Christentum. En. Ps. 45,13, wo auch ‹christiani› in einer Aufzählung verschiedener ‹sectae› genannt werden, ist singulär. II. Probleme und Elemente einer Definition. – Gegen Ende seines Lebens, anläßlich der Abfassung von De ähaeresibus ad Quoduultdeum, gesteht A. die Schwierigkeit, h. zu definieren, offen ein, ja rechnet sogar mit der Möglichkeit, dabei überhaupt zu keinem Ergebnis zu kommen [9]. Die ausführliche Diskussion der Frage «quid ergo faciat haereticum» (haer. praef. 7; epil. 1) mit dem Ziel, sowohl bekannte als auch zukünftige h. meiden und, wann immer sie entstehen, beurteilen zu können, hatte A. für ‹posteriores partes› (ib.) vorgesehen, die er jedoch aufgrund seines Todes nicht mehr verfassen konnte. Anmerkung. – [9] Ep. 222,2: «re uera hoc omnino definire difficile est»; haer. praef. 7: «quid ergo faciat haereticum regulari quadam definitione comprehendi ... aut omnino non potest aut difficillime potest. ... etiamsi non potuerimus comprehendere quomodo sit definiendus haereticus»; cf. gest. Pel. 18. 1. Philosophische versus christliche h.: der entscheidende Unterschied. – A. kennt zwar die neutrale Bedeutung des Wortes h., verwendet es in diesem Sinn aber nur selten [10]. Philosophische αἱρέσεις bezeichnet er, klassischem Gebrauch folgend, bevorzugt als ‹sectae› [11]. Dabei betrachtet er die «loquacissimae philosophorum haereses», die teils mehr über Worte als über Sachverhalte stritten (Cresc. 1,15), nicht nur aus der Distanz des Christen, sondern für ihn ist bereits die Tatsache skandalös, daß die ‹ciuitas impia› die «paene innumerabiles dissensiones philosophorum» (ciu. 18,41; cf. ib. 8,8) ohne eigene Entscheidungsfindung einfach hingenommen habe, obwohl es doch schließlich um die existentiell bedeutsame Frage nach dem glückseligen Leben gegangen sei [12]. Ganz ähnlich äußert A. sich schon in uera rel. 8, wo er einen entscheidenden Unterschied zwischen der christlichen und der überkommenen (im ursprünglichen Sinn des Wortes als ‹Kultgemeinschaft› verstandenen) ä‹religio› darin ausmacht, daß die Anhänger letzterer rituelle Gemeinsamkeit pflegten, obwohl sie doch in ihren philosophischen und theologischen Anschauungen heillos zerstritten seien. Der Grundsatz des «non aliam esse philosophiam, id est sapientiae studium, et aliam religionem» (ib.), in Verbindung mit der Überzeugung, daß durch die Verfasser der biblischen Bücher Gott selbst spricht, läßt A. die Existenz christlicher h. als unhaltbar erscheinen (cf. ciu. 18,41.51). So ist, wie in der christlichen Antike überhaupt, auch bei A. die Schärfe der Auseinandersetzung mit der h. vor dem Hintergrund des unbedingten Wahrheitsanspruches des Christentums zu sehen, der kirchliche Gemeinschaft mit grundlegend Andersgläubigen definitiv ausschließt [13]. Anmerkungen. – [10] Ciu. 8,12; Cresc. 1,15; haer. praef. 5. – [11] Cf. z.B. lib. arb. 2,25; cat. rud. 23; conf. 3,8; c. Iul. 4,75 sowie vor allem in ciu.: z.B. ib. 6,5; 8,8sq. – [12] Ib. 18,41; äBeatitudo. – [13] Vera rel. 8: «cum hi, quorum doctrinam non approbamus, nec sacramenta nobiscum communicant». 2. Starrsinniges Verharren im Irrtum. – Nach haer. praef. 7 ist zwar nicht jeder Irrtum h., gleichwohl aber gilt, daß «omnis haeresis quae in uitio ponitur nisi errore aliquo haeresis esse non possit» (ib.) – ä‹error› ist für A. also ein ganz wesentliches Element der h., ‹haeretici› sind Menschen ‹in sua caecitate errantes semper› [14]. So kann ‹error› auch synonym für h. verwendet werden, wenn etwa Faustus als «secta Manichaeus et per hoc nefando errore peruersus» vorgestellt wird [15]. Der ‹Irrtum› bezieht sich dabei im allgemeinen auf Aspekte der Lehre: Er besteht in der Aufstellung frevlerischer Lehrsätze [16], die sich gegen die ‹regula christianitatis› (uera rel. 8) bzw. ‹doctrina apostolorum› (c. Faust. 32,17) richten und der ‹catholica ueritas› zuwiderlaufen [17]. Nach einer häufig zitierten Definition verletzen ‹haeretici› «de deo falsa sentiendo» den Glauben selbst (f. et symb. 21), was, wie zuvor ohne namentliche Nennung einzelner Gruppen ausgeführt wird, die verschiedensten Bereiche der ‹fides› betreffen kann: die leibliche Auferstehung (ib. 13), ein dualistisches Gottesbild (ib. 19) und insbesondere die ä‹dispensatio temporalis› der Menschwerdung des göttlichen Sohnes (ib. 8.18) sowie die Trinität überhaupt (ib. 19; De äfide et symbolo, äTrinitas). Letzteren Motivkreis greift A. mehrfach wieder auf, z.B. in Io. eu. tr. 100,3, wo es heißt: «omnes prorsus haeretici ...» – zuvor werden ä‹Arriani›, ‹Photiniani› und ä‹Manichaei› beispielhaft für subordinatianische, sabellianische und doketistische Christologien genannt – «... de Christo non recte sentiunt», und zwar deshalb, weil sie wesentliche Glaubensartikel wie Homousie und Menschwerdung nicht als ‹bona› begreifen könnten (cf. ep. Io. tr. 6,11-13). So kann A. in s. 183,13 festhalten: «omnes haeretici negant Christum in carne uenisse» (cf. 1 Io 4,2; äIncarnatio). Die Ursache solcher ‹errores› sieht A. in ungenügendem Schriftverständnis und irrigen Interpretationen der christologischen Prädikationen des Neuen Testaments [18]. Die hieraus mögliche Folgerung, daß es die Schrift selbst sein könnte, die auf exegetische Abwege führt (Gn. litt. 7,9,13) [19], hat A. später zwar klar zurückgewiesen (trin. 1,6); doch bleibt es dabei, daß ‹haeretici› vor allem deshalb ‹haeretici› sind, weil sie «scripturas catholicas ... non bene intelligentes suas falsas opiniones contra earum ueritatem peruicaciter adserunt» [20]. Wie am Beipiel manichäischer Bibelkritik ausgeführt wird, verführen sie mit der Schrift nach dem Prinzip: «non sapit palato meo, quod sapere dicis tuo» (c. Faust. 22,95) [21] und setzten damit ihre menschliche Willkür gegen die Autorität der göttlichen Offenbarungswahrheit – eine der Hl. Schrift feindliche ‹peruersitas› (ib.). Damit ‹error› zu h. wird, müssen willentliche und bewußte Abkehr von der Wahrheit sowie ‹starrsinniges Festhalten am Irrtum› hinzukommen. Wer z.B. über Christus wie Photin denke und dies für die ‹catholica fides› halte, für den gelte: «istum nondum haereticum dico, nisi manifestata sibi doctrina catholicae fidei resistere maluerit et illud quod tenebat elegerit» (bapt. 4,23). Gleiches trifft auf Menschen zu, die, von irregeleiteten Eltern erzogen, «sententiam suam quamuis falsam atque peruersam nulla pertinaci animositate defendunt» (ep. 43,1): Sind sie bereit, sich belehren zu lassen, «nequaquam sunt inter haereticos deputandi» (ib.; cf. util. cred. 1). Welche sich der Belehrung jedoch hartnäckig widersetzen und ihre todbringenden Lehren nicht korrigieren, sondern weiterhin verteidigen, werden zu Häretikern [22]; sie gehören zu jenen Menschen, «quicumque … sunt scientes, quid uerum sit, et pro animositate suae peruersitatis contra ueritatem etiam sibi notissimam dimicantes», so daß ihre «impietas etiam idololatriam forsitan superat» (ep. 93,10) [23]. Anmerkungen. – [14] Io. eu. tr. 8,8; cf. ib. 20,7; 42,15. – [15] C. Faust. 1,1; cf. Io. eu. tr. 37,6. – [16] C. Gaud. 2,10: «haereticus sacrilego dogmate»; äDogma. – [17] Ep. 105,11; c. Faust. 33,4; äRegula fidei, äDoctrina, äCatholicus, -a. – [18] F. et symb. 18: «multa de illo in scripturis inueniuntur ita dicta, ut inpias haereticorum mentes prius uolentes docere quam nosse in errorem miserint»; ähnlich Io. eu. tr. 36,2: Manche wollten nur die Aussagen über die Menschheit Christi sehen, während andere sich allein auf die seine Gottheit bezeugenden Texte stützten – «alii sic, alii sic; utrique in errore» (ib.); äChristus, äScriptura sacra. – [19] Cf. Tert. praescr. 39; resurr. 40,1. – [20] Cf. bapt. 3,20; ep. 120,13; Io. eu. tr. 18,1; 59,3. – [21] Der hier anklingende Gedanke der ‹eigenmächtigen Wahl›, der auf die Grundbedeutung von αἵρεσις rekurriert, ist zwar ein altes häresiologisches Argument (cf. Brox 258), findet sich bei A. aber nur selten; cf. Io. eu. tr. 36,6: «sapuerunt sicut uoluerunt»; bapt. 4,23 zum Wortlaut cf. oben den Text). – [22] Ciu. 18,51: «qui ... resistunt contumaciter suaque pestifera et mortifera dogmata emendare nolunt, sed defensare persistunt, haeretici fiunt». – [23] Cf. bapt. 3,18; c. Faust. 6,6; gest. Pel. 18; Gn. litt. 7,9,13; cf. unten II 4. 3. H. und Kirche. – a) Verhältnisbestimmung. – Da die ä‹ecclesia› als ‹catholica› nur eine sein kann, ist die Frage der Abgrenzung gegenüber h. ein wichtiges Thema. Generell gilt, daß ‹haeretici› die Kirche verlassen haben und folglich ‹außerhalb› stehen (ciu. 18,51; cf. ib. 21,25). Vordergründig sind h. zwar «ex ista natae» und ihre (obgleich nur ‹malae›) ‹filiae› (s. 37,27), weshalb der Abfall der ‹haeretici› auch einen beklagenswerten Verlust darstellt [24]. Es bleibt aber der Trost, daß sie eigentlich nie dazugehört haben, wie A. mit 1 Io 2,19 argumentiert [25]. Entsprechend gebe es viele ‹antichristi›, die noch in der Kirche stünden [26] – man muß also nicht in offenem Bruch mit der Gemeinschaft leben, um ‹haereticus› zu sein. So berücksichtigt A. den Fall des ‹verborgenen Häretikers› meist explizit mit [27], rechnet jedoch auch mit der Möglichkeit, daß vor Gott viele, «qui aperte foris sunt et haeretici apellantur, multis et bonis catholicis meliores sunt» [28]. H. entwickeln sich erst seit der Entstehungszeit des Evangeliums [29]. So heißt es in adn. Iob 29 über die Zeit des Erdenlebens Christi: «nulla ... erat tunc sollicitudo, ne aut a malis male gubernaretur ecclesia aut haeresum uel schismatum laniaretur insidiis» (cf. Io. eu. tr. 4,10). Entsprechend listet A. in haer., angefangen mit dem ‹Erstketzer› Simon Magus, die h. «post domini saluatoris aduentum» (ep. 222,1) bzw. seit seiner Himmelfahrt (haer. praef. 7) auf [30], wohl wissend, daß Epiphanius und Philastrius auch von jüdischen h. berichtet haben [31]. Mit diesem Argument der Posteriorität folgt er traditioneller häresiologischer Doktrin [32], die h. als eine unzulässige Neuerung im Vergleich zum altehrwürdigen Glauben versteht: Häretiker ist, wer «nouas opiniones uel gignit uel sequitur» (util. cred. 1), und solche ‹nouitas› ist per se ‹falsa› und ‹ineptissima› und quasi mit heidnischem ‹error› gleichzusetzen [33]. Gemein ist allen ‹haeretici›, daß sie sich ‹christiani› oder ‹catholici› nennen bzw. ‹dafür gehalten werden wollen› (ib. 19) [34]. Doch maßen sie sich das ‹nomen christianum› zu Unrecht an, sind in Wirklichkeit also nur ‹pseudochristiani› und ‹antichristi› [35]. Entsprechend sind auch ihre ‹Jungfrauen› und ‹Märtyrer› suspekt [36]. Gleichwohl feierten «Photiniani et Ariani multique praeterea» dieselben ‹sacramenta› wie die Großkirche (uera rel. 9); die Häresien seien ‹Töchter› der Kirche (zwar nicht «similitudine morum», sondern «similitudine sacramentorum»), die zudem dieselben Schriften und meist dasselbe ä‹symbolum› verwendeten und auch ganz genauso ‹amen› und ‹alleluia› sängen [37]. All dies jedoch wirkt bei ihnen nicht zum Heil. Schon für Simon Magus, der die Taufe von den Aposteln empfangen hat, gilt: «habuit formam sacramenti, uirtutem sacramenti non habuit» (s. frg. Lambot 4) [38]. Darüber hinaus unterscheidet A. noch eine weitere Gruppe von ‹haeretici›, die auch hinsichtlich der Form der ‹sacramenta› differieren, beispielsweise die ophitischen Gnostiker und insbesondere die Manichäer (uera rel. 9). b) Biblische Typoi und Gleichnisse der h. – Das Verhältnis von h. zur ‹catholica› veranschaulicht A. mehrfach anhand der beiden Perikopen vom Fischfang, die auf die Situation der gegenwärtigen (Lc 5,4-10) und der endzeitlichen Kirche (Io 21) gedeutet werden. Die ‹bis zum Bersten gefüllten Netze› der synoptischen Version werden durch h. und Schismen, mit denen die geschichtliche ‹ecclesia› konfrontiert ist, zum Reißen gebracht [39]. Oft werden h. auch mit den abgetrennten, verdorrten Zweigen des die Kirche symbolisierenden Weinstocks identifiziert [40], was die Möglichkeit eröffnet, h. als im Vergleich zur ‹catholica› immer nur partikuläre Erscheinungen hinzustellen: «sarmenta ... ubi praecisa sunt, ibi remanserunt. uitis autem crescens per omnia ...» (s. 46,18). Entsprechend gilt: «non omnes haeretici per totam faciem terrae, sed tamen haeretici per totam faciem terrae. alii hic, alii ibi, nusquam tamen desunt» (ib.) – allen jedoch stehe an jedem Ort die eine ‹catholica› gegenüber (ib.) [41]. Was die alttestamentlichen Typoi betrifft, schlägt A. den Bogen von Kain über Ham – der für das «haereticorum genus calidum» (ciu. 16,2) steht [42] – bis hin zu ‹Simon magus et ceteri usque ad haec tempora pseudochristiani› (bapt. 1,25). In dieser Linie fehlt auch Ismaël nicht, woran sich die für die Abgrenzung gegenüber den Häretikern zentrale Bedeutung des ‹semen Abrahae› ablesen läßt: Meist werden sie mit diesem ‹aus der Magd› Hagar geborenen Sohn Abrahams, vereinzelt auch mit den Ketura-Söhnen verglichen und sind somit von vornherein ‹enterbt› [43]. In beiden Fällen steht die ‹Jugend› der Mutter dabei wiederum für die Posteriorität der h. (exp. Gal. 40). Immerhin kann die Kirche auch über den Schoß dieser ‹Mägde› ihre Nachkommen erzeugen, insofern auch bei diesen die ‹sacramenta› vorhanden sind [44]; und ‹enterbt› sind diese Nachkommen insbesondere deshalb, weil sie, ganz wie Ismaël, ‹hochmütig› sind [45]. c) Ursprung der h. – Damit ist für A. – unter Berufung auf Ecli 10,15 – die wesentliche menschliche Ursache für das Entstehen der h. benannt: «iam ergo cogitate, quae res genuit omnes haereses: nullam aliam matrem quam superbiam inuenietis» (s. Mai 12,3) [46]. ‹Hochmut› sei es, der die Donatisten dazu verleite, sich selbst heilig zu nennen und daraus die Heiligkeit ihrer Taufe abzuleiten (Io. eu. tr. 13,11). Dasselbe gelte für die Berufung der Manichäer auf Io 16,13, ja letztlich gebe es wohl keine h., «quae non ueritatem se nominet et quanto est superbior, tanto magis se etiam perfectam nominet ueritatem» (c. Faust. 32,17; cf. Io. eu. tr. 97,3). Auch der Pelagianer ist nicht nur ‹inimicus gratiae›, sondern auch ‹amicus superbiae› [47]. Entsprechend handeln Häretiker «alicuius temporalis commodi et maxime gloriae principatusque sui gratia» (util. cred. 1) [48], weil sie nicht die Ehre Gottes, sondern ihre eigene Ehre suchen (adn. Iob 39) [49]. Sie gehören nach Gal 5,19-22 zu den ‹carnales›, denen insbesondere ä‹caritas› fehlt, die ‹Frucht des Geistes› ist [50]; sie sind ‹in affectione animali pertinaciter obdurati› [51], trennen sich von der Gemeinschaft und verlieren dadurch ‹unitas› und ä‹pax catholica› [52]. Ebendiese Ermangelung der Liebe ist es für A., die, im Anschluß an 1 Cor 13,1-13, die spirituellen und ethischen Leistungen der ‹haeretici› sowie vor allem ihre ‹sacramenta› als nutzlos erweist [53]. Da aber ‹superbia› nicht nur «uitiorum ... omnium humanorum causa» ist (pecc. mer. 2,27), sondern (hier kombiniert A. Ecli 10,15 mit 1 Io 3,8) die ‹Sünde› mit der ‹superbia› des Teufels ihren Anfang nahm (ciu. 11,15), ist es nur konsequent, wenn A. – wie die ältere häresiologische Tradition [54] – im ä‹diabolus› den letzten Seinsgrund der h. ausmacht: Er ist es, der die ‹haeretici› gegen die Kirche antreibt (ciu. 18,51: «mouit») [55]. So artikuliert sich in der h. der «serpens ueternosus», «uenenorum insibilator et inspirator antiquus» (Io. eu. tr. 8,6); h. sind, wie die paganen ‹errores›, ‹doctrinae daemoniorum› (ib. 34,10), und die ‹haeretici› haben nur das eine Ziel, mit ihrer ‹diabolica doctrina› (ib. 34,2) die Kirche zu verderben [56]. Anmerkungen. – [24] Cf. ep. Io. tr. 3,4; Io. eu. tr. 61,1. – [25] Ep. Io. tr. 3,4: «omnes haeretici, omnes schismatici ex nobis exierunt, id est, ex ecclesia exeunt; sed non exirent, si ex nobis essent. antequam exirent ergo, non erant ex nobis». Cf. ib. 3,7; bapt. 3,26; 7,99. – [26] Ep. Io. tr. 3,4; bapt. 3,26. – [27] Bapt. 1,14.25sq.; cat. rud. 55. – [28] Cf. s. 71,21. – [29] Exp. Gal. 40: «ex euangelio quidem occasionem nascendi acceperunt». – [30] Cf. c. adu. leg. 2,40, wonach Häretiker «temporibus apostolorum esse iam coeperant», genauer: «post ascensionem ... in caelum domini Iesu Christi, ab illo Simone mago». – [31] Ep. 222,2. Von jüdischen h. spricht A. nur ganz ausnahmsweise, z.B. s. 71,5; cf. ib. 71,7; 362,18. – [32] Cf. Brox 283sq. – [33] Ib. 32; c. Iul. 3,31: «antiquam ... defendere fidem catholicam, contra uestri erroris uanam profanamque nouitatem»; cf. ib. 6,69; uera rel. 11; conf. 3,21; c. ep. Man. 6,7; Io. eu. tr. 97,3sq.; nupt. et conc. 1,22. – [34] Cf. f. et symb. 21; c. adu. leg. 2,40; ep. 232,3; Io. eu. tr. 18,3; 97,3; s. Dolbeau 21,12. Nach ep. 118,21 ist zu A.s Zeit der Streit der philosophischen ‹sectae› so weitgehend verstummt, «ut, si qua nunc erroris secta contra ueritatem, hoc est contra ecclesiam Christi emerserit, nisi nomine cooperta christiano ad pugnandum prosilire non audeat»; cf. f. inuis. 10. – [35] Io. eu. tr. 6,25; bapt. 3,26; s. 37,27. In rhetorischer Absicht kann A. Donatisten oder Arianer freilich auch ‹christiani› nennen (Io. eu. tr. 13,13; 18,4). – [36] Io. eu. tr. 13,13; ep. Io. tr. 6,2; en. Ps. 115,6. – [37] S. 37,27; cf. s. Caes. eccl. 6; s. Guelf. 2,2; Cresc. 2,20. Doch gerade hinsichtlich ihrer Verwendung des ‹symbolum› gilt: «sub ipsis ... uerbis paucis ... plerique haeretici uenena sua occultare conati sunt» (f. et symb. 1; cf. bapt. 3,19). – [38] Cf. s. Denis 8,2; en. Ps. 147,19; äSacramentum, äCharacter, äForma, äVirtus. – [39] S. 252,4: «disruptis retibus, haereses et schismata facta sunt»; cf. ib. 250,2; c. Gaud. 2,10. – [40] Adn. Iob 36; cat. rud. 44.48; ep. 23,6; symb. cat. 14; s. Denis 19,12. – [41] Cf. Cresc. 3,77; 4,73; ep. Io. tr. 2,2; Io. eu. tr. 13,13; qu. eu. 1,38; cath. fr. 6; s. 252,4. – [42] Cf. c. Faust. 12,24. – [43] Exp. Gal. 40; s. 71,32; pat. 25; Io. eu. tr. 11,7.13; äAbraham. – [44] Bapt. 1,14: «(sc. ecclesia) generat et per uterum suum et per uteros ancillarum ex eisdem sacramentis tamquam ex uiri sui semine»; cf. ib. 1,23. – [45] S. 3: «haeredem faceret semen Abrahae, nisi ab haereditate superbia excluderet ... ex semine Abrahae nasceris, sed filius ancillae foris propter superbiam». Cf. Io. eu. tr. 12,4; bapt. 1,14. – Weitere Typen sind etwa die Ehebrecherin aus Os 2,5 (bapt. 3,26sq.) oder die ‹mulier insipiens et audax› aus Prv 9,13 (Io. eu. tr. 97,2-4). – [46] Cf. c. ep. Man. 6,7: «mater omnium haereticorum»; Gn. adu. Man. 2,11; s. 46,18; 200,4; äSuperbia. – [47] C. Iul. imp. 1,132; cf. c. ep. Pel. 2,11. A. kann es auch umgekehrt formulieren: «quae (sc. superbia) si non esset, non essent haeretici neque schismatici» (uera rel. 47). – [48] Cf. c. Gaud. 2,4: ‹haeretica praesumptio›. Nach c. Faust. 5,7 treiben «haereticus typhus intolerabilisque superbia» Faustus dazu, in sich selbst die Seligpreisungen verwirklicht zu sehen; cf. s. 4,33. – [49] Cf. cat. rud. 44; c. ep. Pel. 4,34; s. Dolbeau 26,15. All dies trifft auch schon auf den ‹Erstketzer› Simon zu (en. Ps. 30,2,2,14). – [50] Exp. Gal. 48; ep. 29,6; s. 4,33; 37,28; bapt. 3,19.26sq; Io. eu. tr. 27,6 (unter Verweis auf Rm 5,5). Entsprechend hart das Urteil über Simon: «sed quia ei caritas defuit, frustra natus est et ei expediebat fortasse non nasci» (bapt. 1,14). – [51] Bapt. 1,25; cf. ib. 1,23. – [52] S. 46,18: «superbia parit discissionem, caritas unitatem»; bapt. 1,18: «inimicus caritatis et pacis Christi». Zur ‹pax catholica› cf. bapt. 1,3.29; 2,1.4; 3,18.20.22; 6,7.14.78; Cresc. 1,7; 2,20.39.48; 3,53; s. 47,17; 71,7.21; 174,2. – [53] Bapt. 1,12; s. 4,33. – [54] Cf. Brox 265sq. – [55] Cf. util. ieiun. 10; en. Ps. 124,5; bapt. 6,50. – [56] Ib. 8,8; cf. Gn. adu. Man. 2,38; c. Faust. 15,9; s. Dolbeau 25,22. 4. H. und ‹schisma›. – Die Unterscheidung zwischen h. und ä‹schisma› findet sich nur in den Frühschriften. So heißt es etwa f. et symb. 21, daß Häretiker «ipsam fidem uiolant», Schismatiker hingegen «discissionibus iniquis a fraterna caritate dissiliunt, quamuis ea credant quae credimus» [57]. Je länger A. sich jedoch mit den vor 405 juristisch nicht den Häretikergesetzen unterliegenden ä‹Donatistae› (2,616.619) auseinandersetzt, desto weniger legt er auf eine klare Abgrenzung der Begriffe wert, so daß er sie häufig synonym verwendet [58]. In der literarischen Auseinandersetzung mit äCresconius, der sachlich ähnlich unterscheidet [59], findet A. zu jener Definition der h., «qua dicitur schisma esse recens congregationis ex aliqua sententiarum diuersitate dissensio – neque enim et schisma fieri potest, nisi diuersum aliquid sequantur qui faciunt –, haeresis autem schisma inueteratum» (Cresc. 2,9; cf. Cod. Theod. 16,6,4: «ita contigit, ut haeresis ex schismate nasceretur»). ‹Schisma› trage also immer schon den Keim der h. in sich, da es ohne irgendeine Lehrdifferenz nicht entstehen könne. Wesentlich für die Unterscheidung sind der zeitliche Faktor und das Verharren im Irrtum, so daß – nicht nur für die Donatisten – gilt: «schismatis crimen, quam etiam haeresem male perseuerando fecistis» (ep. 87,4) [60]. Anmerkungen. – [57] Cf. uera rel. 9; c. Gaud. 2,10; s. 71,21. – [58] Verbindungen wie ‹haeresis et/uel schisma› finden sich bei A. sehr häufig, besonders in bapt., Cresc., c. Gaud. und c. ep. Parm. – [59] Cresc. A. Cresc. 2,4: «siquidem haeresis est diuersa sequentium secta, schisma uero idem sequentium separatio»; ähnlich Faustus, der ‹secta› dabei jedoch im allgemeinen Sinn als ‹Religionsgemeinschaft› versteht (cf. Faust A. c. Faust. 20,3sq.). – [60] Cf. ib. 87,9; c. Gaud. 2,4; haer. 69 (besonders deutlich ib. 69,1).81. III. Providentieller Nutzen. – Ausgehend von der Überlegung: «deus utitur et malis bene» (ciu. 18,51) [61], übt h. laut A. ‹sapientia› und besonders ä‹patientia› der Kirche (ib.) und dient «ad probationem doctrinae suae» (uera rel. 10; cf. s. 51,11). Sie ist ‹occasio discendi›, durch die die Wahrheit deutlicher erkannt wird (ciu. 16,2), weshalb Häretiker «plurimum prosunt» (uera rel. 15) [62]. Eigentlich wären die ‹sententiae› des Evangeliums zwar gar nicht zu erörtern gewesen, doch hätten die ‹haeretici› eben zur Klärung «quaestionum difficilium» (en. Ps. 54,22) genötigt: Bezüglich Themen wie Trinität, Buße und Taufe habe man erst nach Auftreten der Arianer, Novatianer und Donatisten zu einem vollkommenen Reflexionsstand gefunden (ib.). Die ‹haeretici› sind also «utiles ad inueniandam ueritatem» (s. 51,11), weshalb man sich von ihrem Auftreten auch nicht verunsichern lassen soll (s. Mai 12,3). So kann A. trotz starker Betonung des ‹error› sogar sagen: «ueritatis (sc. catholicae) nonnullae particulae etiam in diuersis inueniuntur haeresibus» (ep. 93,23). Insofern erkennt A. die intellektuelle Leistung der ‹haeretici› durchaus an, jedenfalls soweit es um die natürlichen Fähigkeiten des menschlichen Geistes geht: «non fecerunt haereses, nisi magni homines» (en. Ps. 124,5; cf. s. Dolbeau 23,5). Gern nimmt er dabei das Bild von den ‹Bergen› und ‹Hügeln› aus Ps 71,3 und 124,2 auf: Nicht nur Menschen wie der Täufer Johannes (Io. eu. tr. 1,2), sondern auch Donatus, Maximianus, Photin oder Arius seien ‹montes›, im Unterschied zu jenem seien diese jedoch Agenten vom Teufel gestifteter Zwietracht (en. Ps. 124,5). Oder A. deutet die ‹Berge› und ‹Hügel› auf die ‹superbiae hominum› und ‹tumores terrarum› der ‹haeretici› (util. ieiun. 11); in jedem Fall erleide die gläubige Seele bei Annäherung an diese ‹Klippen› ‹Schiffbruch› [63]. Anmerkungen. – [61] Cf. Rm 8,28; äEtiam peccata. – [62] Ib. Zitation von 1 Cor 11,19; cf. conf. 7,25 und (mit paulinischen Anklängen) Io. eu. tr. 36,6: «ad hoc eos deus abundare permisit, ne semper lacte nutriamur, et in bruta infantia remaneamus». – [63] Cf. en. Ps. 35,9; s. 46,17; zum Motiv des ‹Schiffbruches› cf. Io. eu. tr. 36,6; 37,6. IV. Kirchliche Reaktion und staatliche Zwangsmaßnahmen. – Da h. als bewußte Abkehr von der prinzipiell wißbaren Wahrheit verstanden wird, wertet A. sie als ä‹crimen› (Cresc. 2,14; cf. c. Iul. 2,1), ‹scelus› (bapt. 3,3) und ‹mortiferum peccatum› (s. 71,7). Entsprechend ist die Rückkehr für den vormals ‹katholischen Häretiker› «sine paenitentia», also ohne öffentliche Buße, unmöglich (ep. 93,53; cf. s. 296,15), ja der reuige ‹haereticus› wird sogar schärfer behandelt als der neu hinzukommende Heide. Die Kirche handelt «illos amplius humiliando, istos lenius suscipiendo, utrosque diligendo, utrisque sanandis materna caritate seruiendo» (ep. 93,53). Der notorische ‹haereticus› ist zwar zu meiden und von den Gläubigen fernzuhalten, «ne infirmos et paruulos fallat» (ib. 43,1), doch darf die Bemühung um seine Besserung nicht aufgegeben werden [64]. So sieht A. das Gebot der Feindesliebe letztlich auch in der Billigung staatlicher Zwangsmaßnahmen gegenüber den ‹haeretici› erfüllt (äCoercitio): Ob man nun mit ‹suadibilis doctrina› oder ‹terribilis disciplina› gegen sie vorgehe: Man übe in jedem Fall ‹beneuolentia› und ‹beneficientia› (ciu. 18,51). Das einseitige Verständnis des ä‹compelle intrare› aus Lc 14,23 liefert dazu ebenso die biblische Rechtfertigung wie die Überzeugung, daß Häretiker (als ‹Kinder der Magd›) derart zu behandeln seien, wie Sara mit Hagar und Ismaël verfahren ist (cf. Io. eu. tr. 11,13sq.). Einer anderen Argumentation zufolge erspart man dem Häretiker durch den Zwang immerhin die ewige Verdammnis, denn, so die rhetorische Frage: «qualis pietas, si parcis et moritur?» (util. ieiun. 11). Entsprechend kann A. sagen: «foris inueniatur necessitas, nascetur intus uoluntas» (s. 112,8), eine Position, die er in seinen frühen Jahren noch weit von sich gewiesen hatte [65]. Die Folgen dieser Argumentation für die ‹haeretici› sind fatal: Zwar lehnt A. die Todesstrafe ab (cf. z.B. ep. 100,2 als Reaktion auf Cod. Theod. 16,5,44), doch sind die Verfolgung der Häretiker und die Konfiskation ihres Hab und Gutes gerecht und gottgewollt (cf. ep. 105,11; Io. eu. tr. 6,25; s. Caes. eccl. 7). Die Grundlage solcher Zwangsmaßnahmen bildete die staatliche Religionsgesetzgebung, deren Rahmenbedingungen zur Zeit A.s durch die zwei Gesetze Theodosius’ I. vom 28.2.380 abgesteckt waren, durch die das Bekenntnis der Bischöfe Roms und Alexandriens zur Staatsreligion erhoben (Cod. Theod. 16,1,2) und jede Abweichung von dieser Norm als ‹sacrilegium› qualifiziert wurden (ib. 16,2,25) [66]. Auf diese sowie die zahlreichen antihäretischen Gesetze, die noch folgten [67], spielt A. zwar häufig an, bedient sich dabei jedoch meist recht allgemeiner Formulierungen wie ‹(catholicorum) imperatorum leges› (ep. 209,9; s. Denis 19,8), ‹leges uehementes› (c. ep. Parm. 1,19), ‹leges publicae› (breuic. 3,13) oder ‹imperialia statuta› (Cresc. 3,48). Insofern ist es zwar schwierig, persönliche Kenntnis einzelner Gesetzestexte bei A. nachzuweisen, insgesamt erweist er sich jedoch als gut unterrichtet über die Gesetzeslage: So spiegeln seine frühen Proteste gegen die donatistische Praxis der Wiedertaufe in ep. 23,2; 34,2; 35,3 offenbar ein Wissen um deren Illegalität [68]; nach c. ep. Parm. 1,19 kennt er ‹aliae iussiones generales›, die den ‹haeretici› das Geben und Empfangen von Legaten untersagen (cf. Cod. Theod. 16,5,7); und in ep. 105,9 verweist A. gegenüber den Donatisten auf eine lange Reihe von Gesetzen Konstantins und seiner ‹filii›, Valentinians, Gratians, Theodosius’ und schließlich dessen ‹filii› (ähnlich c. ep. Parm. 1,19sq.). Das Gesetz vom 15.6.392, wonach Amtsträger der ‹haeretici› zu einer Strafe von je zehn Pfund Gold zu verurteilen und deren Versammlungsorte zu enteignen seien (Cod. Theod. 16,5,21), erwähnt A. mehrfach [69]. Dasselbe gilt für das Unionsedikt des Honorius vom 12.2. bzw. 5.3.405 (ib. 16,5,38; 16,6,3-5; 16,11,2), das er als ‹nouae› bzw. ‹recentissimae› von ‹praeteritae omnes contra uos leges› (Cresc. 3,47sq.51; cf. retr. 2,26; ep. 10*,3) abhebt. Anmerkungen. – [64] Ib.; cf. s. 46,14sq.; 200,4; s. Denis 19,12. – [65] Ep. 23,7: «non hoc esse propositi mei, ut inuiti homines ad cuiusquam communionem cogantur, sed ut quietissime quaerentibus ueritas innotescat»; cf. s. 302,16; äForis-intus – [66] Cf. auch das Gesetz vom 3.8.379 gegen ‹haeretici› allgemein (ib. 16,5,5). Zum rechtshistorischen Kontext dieses ersten gesetzlich von der Kaisermacht dekretierten Glaubensbekenntnisses cf. Fögen, besonders 79-88. – [67] Cf. Grasmück 153sq. n. 856; cf. die vollständige Übersicht bei Morgenstern 117-120. – [68] Cf. neben Cod. Theod. 16,5,5 auch ib. 16,6,1; 16,6,2; 16,7,4; cf. Schindler, Unterscheidung 230. – [69] Z.B. c. ep. Parm. 1,19; c. litt. Pet. 2,184; Cresc. 3,51; ep. 66,1; 88,7; 105,4; 185,25. V. Motive der Polemik. – Eine umfassende Zusammenstellung der weiteren Motive der Polemik, derer A. sich bedient, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, weshalb nur einige wenige, häufig belegte Beispiele genannt seien: So wird h. oft gleichbedeutend mit ä‹fabula› und ‹figmentum› verwendet (z.B. Io. eu. tr. 97,3); sie ist «non religio, sed superstitio» (c. Gaud. 2,12), ä‹blasphemia› (c. Iul. 3,32), ‹pestis› (c. Prisc. 4) und «commenta humani ... erroris» (ep. 128,2). ‹Haeretici› sind ‹falsi fallacesque doctores› (Io. eu. tr. 36,6), die Mittel ihrer Argumentation ‹insidiae› (ep. Io. tr. 2,1) und ä‹calumniae› (en. Ps. 118,26,4). Sie reden über Dinge, die sie nicht verstehen (ib. 130,11), sind also ‹indociles› (Io. eu. tr. 5,16) und ‹ingrati› (ib. 78,2); ihre Verirrung wird u.a. durch ‹prauitas› (ib. 20,3), ä‹uanitas› (ib. 20,5) und ‹peruersitas› (c. Iul. imp. 2,166) bestimmt. So hat A. nicht zuletzt auch mit seinem Beitrag zur ‹ars maledicendi› [70] die Stellung nachfolgender Jahrhunderte gegenüber theologisch Andersdenkenden mitgeprägt [71]. Anmerkungen. – [70] Cf. Opelt, besonders 159.224sq. – [71] Cf. Grundmann; zur Nachwirkung A.s besonders ib. 136sq. Bibliographie. – G. Bavaud, L’épouse adultère d’Osée, symbole de l’hérésie: BA 29 (1964) 606sq. – M.-F. Berrouard, L’utilité des hérésies: ib. 73A (1988) 465-467. – H.D. Betz, Häresie I. Neues Testament: TRE 14 (1985) 313-318. – P. Brown, St. Augustine’s Attitude to Religious Coercion: Religion and Society in the Age of Saint Augustine, London 1972, 260-278 (JRS 54 (1964) 107-116). – N. Brox, Häresie: RAC 13 (1986) 248-297. – G.R. Evans, Heresy, Schism: AthAg 424-426. – Id., Augustine on Exegesis against the Heretics: CollAug Exegete 145-156. – M.T. Fögen, Die Enteignung der Wahrsager. Studien zum kaiserlichen Wissensmonopol in der Spätantike, Frankfurt a.M. 1997. – E.L. Grasmück, Coercitio. 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