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Augustinus – Vater der abendländischen Theologie

Für ein Radiopublikum zeichnete Rüdiger Achenbach den aufsehenerregenden Weg des jungen Augustinus vom Intellektuellen, Rhetorikprofessor und kaiserlichen Propagandaminister zum Bischof von Hippo und schließlich Vater der abendländischen Theologie nach. Die vierteilige Reihe wurde zur Jahreswende 2007/2008 in der Rubrik "Tag für Tag" des Deutschlandfunks ausgestrahlt. Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers veröffentlichen wir auf diesen Seiten das Manuskript der Sendereihe. Sie behandelt folgende Themen:

  1. Das Studium der Rhetorik und die Suche nach Weisheit
  2. Die Karriere am kaiserlichen Hof von Mailand
  3. Der Bischof von Hippo und der Staat im Dienst der Kirche
  4. Der Fall von Rom und der Gottesstaat

Augustinus – Vater der abendländischen Theologie (1)

Das Studium der Rhetorik und die Suche nach Weisheit

Von Rüdiger Achenbach

"Ich kam nach Karthago. Dort umlärmte mich von allen Seiten ein wilder Wirrwarr wüsten Liebestreibens. Und ich kehrte in der Fülle meines Dünkels den feinen Mann von Welt hervor ... und ich stürzte mich in die Liebe, von der ich mich gefesselt wünschte."

Im Jahr 371 kam Augustinus, als siebzehnjähriger Junge vom Lande, zum Studium in die Provinzhauptstadt. Und wie viele andere junge Männer, die damals aus den Kleinstädten und Dörfern Nordafrikas zum Studium nach Karthago kamen, sammelte er „erste Erfahrungen der Freiheit“ in einer großen Stadt. Er tobte sich in der Studentenszene aus, entdeckt das Theater, die Dichterwettstreite und eine blühende Literaturszene.

"In solcher Gesellschaft studierte ich damals, in noch ungefestigtem Alter, die Lehrbücher der Redekunst, in der mich auszuzeichnen mein ganzer Ehrgeiz war."

Aufgewachsen war Augustinus in der Kleinstadt Tagaste, die heute Souk Ahras heißt und im Osten Algeriens liegt. In dieser bäuerlichen Landschaft war er 354 als eines von drei Kindern geboren worden. Der Vater Patricius besaß ein paar Morgen Land, war aber keineswegs reich. Augustinus selbst nennt ihn einen Bürger mit bescheidenen Mitteln. Trotzdem setzten die Eltern alles daran, ihrem begabten Sohn Augustinus eine klassische Bildung zu ermöglichen, damit er einmal eine bessere gesellschaftliche Stellung erreichen sollte.

Vor allem das Studium der Rhetorik, also der Redekunst, galt damals als eine Art Schlüsselqualifikation, um Aussicht auf ein hohes Staatsamt zu bekommen. Und Augustinus hat dieses Ziel mit sehr viel Ehrgeiz verfolgt.

"Schon bald galt ich was in der Rhetorenschule und freute mich hochmütig und blähte mich auf vor Eitelkeit."

Doch Augustinus verbringt seine Zeit durchaus nicht nur in Bibliotheken. Er ist mit seinen Gefährten auch immer wieder auf der Suche nach Abenteuern aller Art.

Jahrzehnte später wird er diese Zeit als eine Phase sexueller Haltlosigkeit und Ausschweifung bezeichnen. Zwischen seinem 17. und 18. Lebensjahr hat er sich dann auch ein Mädchen aus Dienstbotenkreisen zur Bettgenossin genommen. Und schon bald geht aus dieser Verbindung ein Sohn hervor, der den Namen Adeodatus erhält, die lateinische Form des griechischen Namens Theodor, also „Von Gott gegeben“. Im Rückblick schildert Augustinus diesen Lebensabschnitt als einen Zustand innerer Unruhe und Zerrissenheit. Bis ihm plötzlich beim Studium der Schriften Ciceros der Dialog „Hortensius“ in die Hände fällt.

"Es war dieses Buch, das meinen Sinn veränderte. Plötzlich war all meine eitle Erwartung für mich ohne Wert und mit unglaublicher Inbrunst begehrte ich nach der unsterblichen Weisheit."

Cicero hatte in ihm die Liebe zur Philosophie geweckt. Augustinus war jetzt fest entschlossen, das Streben nach Weisheit im Sinne Ciceros zu seinem Lebensziel zu machen. Und er begann, sich ernsthaft mit ethischen und religiösen Fragen zu beschäftigen.

Auch das Christentum war ihm nicht fremd. Monnica, seine Mutter, war Christin und lebte ihren Glauben sehr intensiv. Sie hatte auch alles unternommen, um ihre Kinder in ihre Religion einzuführen. Doch Augustinus konnte sich nicht sonderlich für das Christentum begeistern. Der Oxforder Kirchenhistoriker Peter Brown:

"Die Religion der Christen in Nordafrika war recht drastisch. Ekstatische Erlebnisse suchte man in Trunkenheit, Gesang und wilden Tänzen. Der Alkoholismus war in afrikanischen Gemeinden tatsächlich weit verbreitet. Träume und Trancezustände waren alltäglich. Und einfache Bauern lagen oft tagelang im Koma. Auch Monnica war in einer christlichen Familie streng erzogen worden und hing an den herkömmlichen Gebräuchen innerhalb der afrikanischen Kirche, die von Gebildeten als 'primitiv' abgelehnt wurden."

Außerdem vertrat das nordafrikanische Christentum eine sehr rigoristische Gesetzlichkeit. Augustinus betrachtete die Religion seiner Mutter daher immer mit großer Skepsis. Dennoch erinnerte er sich aber auch, dass manche Christen von Christus auch als der Weisheit Gottes sprachen und ihn auf ihren Sarkophagen als Lehrer der Weisheit darstellen ließen. Und dieser Weisheitsgedanke war es, der Augustinus nun dazu brachte, die Bibel zu lesen, um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Doch was er da las, schien wenig mit der hochgeistigen Weisheit zu tun zu haben, die er bei Cicero kennengelernt hatte. Der Cambridger Kirchenhistoriker Henry Chadwick:

"Die Rätselhaftigkeit dessen, was er darin fand, und der barbarische Stil stießen ihn ab. Dies war kein Buch für einen Mann, dessen Geist an die elegante Diktion Ciceros gewöhnt war. Mit Abscheu wandte sich Augustinus auch von dem recht naiv erscheinenden Mythos über Adam und Eva und von der zweifelhaften Moral der israelitischen Patriarchen ab. Und die mögliche Aussicht, dass er eventuell doch zur Kirche seiner Mutter finden werde, erhielt schließlich durch die Unvereinbarkeit der beiden Jesus-Stammbäume bei Matthäus und Lukas den Gnadenstoß."

Vor allem wegen seiner Schriften konnte das Christentum ihn nicht überzeugen.

Viel überzeugender erschien ihm dagegen die Lehre der Manichäer. Diese Religionsgemeinschaft war im 3. Jahrhundert von dem Perser Mani gegründet worden und verstand sich als die Vollendung aller Religionen. Der Manichäismus vertrat einen kosmischen Dualismus, in dem sich der Gott des Lichtes als Prinzip des Guten und der Gott der Finsternis, der Schöpfer der sichtbaren Welt als Prinzip des Bösen, im ständigen Kämpf gegenüberstanden.

Alle Materie gehört zum Reich des Bösen. Deshalb müssen die Seelen, die ursprünglich aus dem Reich des Lichtes stammen, aus der Materie der Schöpfung befreit und ins Reich das Lichts zurückgeführt werden. Wenn der Mensch zu dieser Erkenntnis gelangt ist, strebt er danach, seine Seele durch einen besonders asketischen Lebenswandel aus der Welt der Körper zu befreien.

Die Gemeinden der Manichäer bestanden aus zwei Klassen von Anhängern, einmal „die Erwählten“, sie durften zum Beispiel kein Fleisch essen und keine Kinder zeugen, um die Materie, also das Böse, nicht zu vermehren. Zum anderen die untere Klasse, die aus den sogenannten „Hörern“ bestand, die in der manichäischen Lehre weniger weit fortgeschrittenen waren. Für sie galten die strengen Lebensregeln nicht. Deshalb mussten ihre Seelen noch durch viele Wiederverkörperungen hindurchgehen, bevor sie das Stadium eines Erwählten erreichen konnten.

Während die Kirche von ihren Anhängern verlangte, bestimmte Glaubensinhalte einfach zu glauben, räumten die Manichäer der Vernunft und dem freien Denken mehr Raum ein. Das kam Augustinus entgegen und er schloss sich als sogenannter Hörer dieser Religionsgemeinschaft an. Nach abgeschlossener Ausbildung kehrte er dann in seine Geburtsstadt zurück. Er kam also nach Hause mit einer Geliebten, einem unehelichen Sohn und mit einer neuen Religion. Das wäre eventuell noch zu ertragen gewesen. Aber als Augustinus dann versuchte, seine Mutter zum Manichäismus zu bekehren, verlor die überzeugte Christin die Geduld und warf ihn aus dem Haus.

Augustinus kehrte also nach Karthago zurück und unterrichtete dort als Rhetoriklehrer. Nebenbei betrieb er Propaganda für die Religion der Manichäer und es gelang ihm, auch Jugendfreunde wie Alypius für diese Religion zu gewinnen.

Aber die Begegnung mit einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des Manichäismus, Faustus von Mileve, der sich für einige Zeit in Karthago aufhielt, führte dann zu einer großen Enttäuschung. Augustinus musste nämlich feststellen, dass die Beredsamkeit dieses Mannes weit größer als dessen Denkvermögen war.

"Nachdem mir deutlich geworden war, dass Faustus in den Wissenschaften, in denen er nach meiner Ansicht hätte glänzen müssen, nur Unkenntnis an den Tag legte, gab ich allmählich die Hoffnung auf, er könne die Probleme, die mich bewegten, zu meiner Zufriedenheit lösen."

Und obwohl er nun dem Manichäismus gegenüber kritischer wurde, blieb er dennoch Mitglied dieser Religionsgemeinschaft.

"Es war nicht so, dass ich mich von den Manichäern gänzlich hätte trennen wollen. Ich fasste vielmehr den Entschluss, mich vorläufig damit zufriedenzugeben; vielleicht zeigte sich ja einmal etwas Lichtvolleres, dem dann der Vorzug zu geben sei."

Augustinus war also wieder von Neuem auf der Suche nach der Wahrheit. Dazu kam auch, dass ihn die Bedingungen seiner Lehrtätigkeit zu ärgern begannen.

"In Karthago herrscht unter den Schülern eine verabscheuungswürdige und maßlose Dreistigkeit. In unverschämter Weise dringen sie in den Hörsaal ein und bringen mit an Raserei grenzender Frechheit die Ordnung durcheinander, die der Lehrer zum Besten seiner Schüler eingeführt hat."

Augustinus war inzwischen 29 Jahre alt und von der Vorstellung umgetrieben, seinen beruflichen Erfolg weiter auszubauen. Da er in Karthago keine großen Möglichkeiten für sich sah, beschloss er, nach Rom zu gehen. Doch der Abschied aus Nordafrika nahm fast die Züge einer griechischen Tragödie an.

Inzwischen war nämlich Monnica nach Karthago gekommen, um ihren Sohn doch noch auf den rechten christlichen Weg zu führen. Augustinus fühlte sich belästigt. Er organisierte die Schiffsreise nach Rom, ohne der Mutter davon zu erzählen. Doch sie schien zu ahnen, dass er etwas vorhatte, und wich ihm nicht von der Seite. Auch am Tag der geplanten Abreise folgte sie ihm bis in den Hafen. Augustinus hat die Szene später in seinen Bekenntnissen festgehalten:

"Ich gab vor, ich wolle nur einem Freund bis zu seiner Abreise Gesellschaft leisten.
So belog ich die Mutter und brachte sie in die Cyprian-Kapelle ganz in der Nähe unseres Schiffes, um dort auf mich zu warten. In dieser Nacht fuhr ich heimlich davon."

Er ließ seine Lebensgefährtin, seinen Sohn und seine Mutter zurück und brach alle Bücken hinter sich ab.

"Der Wind blies und schwellte die Segel und entzog unseren Blicken die Küste, wo am Morgen die Mutter wahnsinnig vor Schmerz klagte und stöhnte."

Augustinus hatte sich dem Einfluss der allgegenwärtigen Mutter entzogen und war in eine ungewisse Zukunft unterwegs. Noch konnte er nicht ahnen, dass gerade die Tatsache, dass er kein Christ war, ihm zu einem enormen Karrieresprung verhelfen sollte.

Folge 2 >

© DLF - Gesendet: 31.12.2007

Wir danken dem Verfasser für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung des Manuskripts in unserem Webportal.
 

Weiterführende Links:

http://www.dradio.de