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"Aspekte der Ethik bei Augustinus"

Zahlreiche Interessierte treffen sich zum interdisziplinären Augustinus-Studientag 2005

 

Der Augustinus-Studientag des Würzburger Zentrums für Augustinus-Forschung (ZAF) ist mittlerweile in der Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftslandschaft geradezu eine Institution geworden. Nach 2003 und 2004 lud in diesem Jahr das ZAF bereits zum dritten Mal – heuer in Verbindung mit den Universitätsinstituten für Philosophie, Klassische Philologie und Biblische Theologie - in den prachtvollen Toscana-Saal der Residenz Würzburg ein. Für Samstag, den 11. Juni, hatten die Veranstalter ein hochkarätiges Vortrags- und Diskussionsprogramm organisiert, das «Aspekte der Ethik Augustins» beleuchtete. Das Thema und die namhaften Referierenden vermochten zwischen 9 und 17 Uhr an die 100 Gäste – darunter interessierte Professoren und Wissenschaftler, aber auch Studierende und ‹Laien› – zu mobilisieren, die ihr geistiges Engagement wahrlich nicht zu bereuen brauchten.

Bürgermeister Dr.Dr.h.c. Adolf Bauer, Stellvertretender Vorsitzender der Würzburger Gesellschaft zur Förderung der Augustinus-Forschung e.V., begrüßte die Versammelten und unterstrich die bleibende Aktualität ethischer Reflexionen Augustins: Gerade dessen Frage nach Glück und Vollendung gebe seiner Moralphilosophie und Moraltheologie eine Ausrichtung, die den Menschen in der Postmoderne eher anspreche als eine bloße Pflichtenlehre.

Den Auftakt der Referate bildete der erfrischende, bisweilen auch provozierende Vortrag von Prof. Dr. Bernhard Heininger, Ordinarius für Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg. Er skizzierte das Dilemma der Liebes-Ethik der Kirchenvaters – das Ethos der ‹Caritas› hinderte Augustin nicht an der Befürwortung staatlicher Gewalt gegenüber Andersgläubigen – vor dem Hintergrund des Urchristentums, das ebenfalls schon um die rechte Anwendung des hehren Ideals der christlichen Nächstenliebe zu ringen hatte. In der Verkündigung Jesu von der universalen Geltung der Nächstenliebe und von deren Eingrenzung auf christliche Gemeinden in den johanneischen Schriften trat dieses Dilemma deutlich zutage.

Prof. Dr.Dr.h.c. Cornelius P. Mayer, Kopf des ZAF und Hauptherausgeber des Augustinus-Lexikons (AL), arbeitete in seinem anschließenden Referat die theozentrische Grundausrichtung der Ethik Augustins heraus und deckte deren philosophisch-neuplatonische, aber auch biblisch-christliche Wurzelgründe auf. Die Theozentrik prägte selbstredend auch das augustinische Ethos der Einstellung gegenüber sich selbst, der Welt und dem Mitmenschen – ein Ethos, das Mayer in seiner Größe und Geschlossenheit, aber auch in seiner gelegentlichen Einseitigkeit und Problematik trefflich auf den Begriff zu bringen wusste.

Nach zwei Theologen setzte ein Philosoph die Vortragsreihe fort: Privatdozent Dr. Friedemann Buddensiek von der Universität Erlangen, der Augustins Ethik als ‹Frage nach dem Glück› profilierte und in Diskussion mit konkurrierenden spätantiken Theorien vom gelingenden Leben, aber auch mit gegenwärtigen moralphilosophischen Positionen brachte. Die Lehre des Kirchenvaters zeichnet sich dabei durch einen eschatologischen – Vollendung ist nur im Jenseits zu erhoffen – und durch einen gnadentheologischen – Vollendung lässt sich nicht ‹machen›, sondern nur von Gott ‹empfangen› – Akzent aus. Buddensiek zufolge übertraf dieser antike Glückstheorien in weiten Teilen, ja er revolutionierte sie, unterbot sie bisweilen aber auch argumentativ.

Die drei brillanten Referate des Vormittags provozierten im Anschluss eine lebhafte Diskussion auf hohem Reflexionsniveau, bevor der Moderator, Dr. Christof Müller vom ZAF, die allseits verdiente Mittagspause ausrief.

Den zweiten Teil des Augustinus-Studientages 2005 eröffnete Prof. Dr. Michael Erler, Ordinarius für Gräzistik an der Universität Würzburg. Er verblüffte die Zuhörer mit dem Aufweis von Parallelen zwischen der gnadentheologischen Dimension der augustinischen Ethik und einigen paganen Philosophemen einer ‹helfenden Hand Gottes› bei der Gestaltung menschlicher Sittlichkeit, wie etwa im Höhlengleichnis in Platons Schrift ‹Über den Staat›. Insbesondere der Neuplatoniker Jamblich entwickelte Gedanken, die augustinischen Reflexionen zumindest nahe kamen, vom Kirchenvater und seiner Skepsis gegenüber heidnischer Philosophie aber nicht adäquat wahrgenommen bzw. nicht angemessen gewürdigt wurden.

Schließlich – was wäre ein Studientag zur Ethik ohne Reflexion auf das Phänomen der menschlichen Freiheit? Prof. Dr. Norbert Fischer, der in Eichstätt den Lehrstuhl für Philosophische Grundfragen der Theologie innehat, versuchte in seinem Abschlussvortrag, Augustinus als ‹Lehrer der Freiheit› vorzustellen und damit eine einseitige Charakterisierung des Kirchenvaters als ‹Lehrer der Gnade› zu korrigieren. Den emphatischen Freiheitsbegriff seiner Frühschriften habe Augustin nämlich mitnichten revidiert, sondern lediglich – freilich bisweilen über die Maßen – zurückgeblendet. Die augustinische ‹Gnade› aber wolle die endliche menschliche Freiheit nicht vernichten, sondern setze sie ganz im Gegenteil entschieden voraus.

Nicht zuletzt diese pointierten Thesen Fischers waren es, die auch die Nachmittags-Diskussionsrunde zu einer spannungsreichen und spannenden Angelegenheit werden ließen. Erst das verführerische Klingen von Weingläsern beim anschließenden Empfang im Institut für Philosophie der Universität Würzburg vermochte die Debattierenden zum Orts- und Themenwechsel zu bewegen.

Dr. Christof Müller